Beitrag 02 von Sabrina R. (Kurzgeschichte)

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Beitrag 02 von Sabrina R. (Kurzgeschichte)

Kühle Luft streift meine Wangen und ich schließe zitternd die Augen. Ob es an der Kälte liegt oder an den Anblick vor mir, ich kann es nicht genau sagen. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Ich bin nicht gern an diesem Ort. Er bedeutet jedes Mal Schmerz und Wut für mich. Aber ob ich es will oder nicht, ich bin es ihm schuldig. Ich konnte nicht stark genug für ihn sein. Hab Schwäche gezeigt, als er es am wenigsten gebraucht hatte. Jetzt war es an mir, ihm die Stärke zu zeigen, die ich durch ihn gelernt habe. Eine warme und starke Hand schließt sich um meine und drückt sanft zu.

„Er wäre stolz auf dich.“

Jetzt kann ich mich nicht mehr zurück halten und ein Schluchzer verlässt meine Lippen, als ich meine Augen doch öffne. Der schwarze Stein mit der goldenen Inschrift zeigt mir jedes Mal von neuem, dass ich ihn nie wiedersehen werde, was ich für immer verloren habe.
„Es tut mir leid.“ Ich wende meinen Kopf ab und drücke meine Stirn gegen die breite Brust, die neben mir steht. Sofort umschließen mich starke Arme und Lippen Streifen meine Stirn. Meine Brust zieht sich zusammen als Tränen meine Wangen herunterlaufen. Seufzend verstärkt Alex seinen Griff um mich. Er weiß genau wieso ich mich entschuldige. Dieser Satz hat in letzter Zeit viel zu häufig meinen Mund verlassen. Und jedes Mal ist die Antwort, die ich bekomme gleich.

„Es ist alles gut, mein Schatz. Entschuldige dich nicht dafür, dass du Tim immer noch liebst. Das wird sich auch nicht ändern. Dafür habt ihr zu viel geneinsam erlebt. Gutes und schlechtes. “ Trotz meinen Tränen kann ich nicht anders als zu Lächeln. Alex hat recht. So absurd es klingt, doch ich liebe Tim immer noch. Und Alex? Er lächelt mich immer nur an und küsst meine Stirn, wenn ich es erwähne. Alex hat mich in meiner schwersten Stunde aufgefangen und mich wieder dazu gebracht, ich zu sein.

Vor knapp einem Jahr, habe ich mich endlich dazu gerungen, mir nach Tims Tod Hilfe zu holen. Seine Krankheit und sein Ende haben mich vollkommen aus der Bahn geworfen. Tim und ich wussten, dass er nicht mehr lange durchhalten würde. Dafür war seine Krankheit bereits zu weit fortgeschritten. Von jetzt auf gleich war ich alleine und hatte niemanden mehr. Trotz seinem Schicksal hat Tim nicht an Humor oder Freude verloren. Er hat die Tage so genommen, wie sie kamen. Und wenn er Lust auf eine Kissenschlacht hatte, dann habe ich mir nur ein Kissen geschnappt und ihn damit beworfen. Ich hätte für ihn stark sein müssen, doch er war es, der stark für mich war. Tim hat mir so oft gesagt, dass er mich liebt und möchte, dass ich nicht aufhöre zu leben. Doch ich konnte es ihm nicht versprechen. Ich wusste in meinem Herzen nämlich, dass ich das Versprechen gebrochen hätte. Und dann kam der Tag. Plötzlich war ich alleine in dem Haus, wo ich vor kurzem noch sein Lachen gehört hatte. Bin morgens aufgewacht und die andere Bettseite war leer und kalt. Ich habe nur noch existiert und nicht gelebt. In diesen Stunden war ich froh, dass ich von zuhause gearbeitet habe, denn ich habe lediglich zum Einkaufen das Haus verlassen. Niemand hatte meine Augenringe gesehen, weil ich mich in der Nacht lieber dem Schmerz hingegeben habe, als zu schlafen. Tim war mein Anker gewesen. Der Mittelpunkt meines Lebens. Und plötzlich war er nicht mehr da.

Doch dann traf ich Alex. Überrumpelt hat er mich eher. Als ich eines Abends von der Therapie nach Hause gefahren bin, saß er mir im Zug gegenüber. Hat mich angelächelt und mich, als er aussteigen musste, gefragt ob ich mal einen Kaffee mit ihm trinken möchte. Wir sind uns lange dort begegnet und Alex ist hartnäckig geblieben. Mit seinen braunen Augen und seinem offenen Lächeln konnte ich ihm nicht lange wiedersehen.
„Danke.“ Sage ich schließlich und Blicke in diese wunderschönen Augen. Kleine Lachfältchen erscheinen um diese, als Alex mich anlächelt. „Ich danke dir“, gibt er mir als Antwort und schaut kurz zum Grab ehe er mich wieder anblickt, sich vorbeugt und seine Lippen mit meinen verschließt. Der Kuss ist sanft und spiegelt seine tiefe Liebe wider.

„Du hast es geschafft.“ Alex legt seine Stirn gegen meine und blickt mir in die Augen. „Du hast es geschafft. Bist die Klippe wieder hochgestiegen, ehe du ins Meer fallen konntest. Tim hätte nicht gewollt, dass du so leidest. Es wäre wirklich stolz auf dich. Genauso wie ich stolz auf dich bin. Und egal was passiert, Tim wird immer bei dir sein. In deinem Herzen und als Beschützer. Er wird immer ein Teil von dir sein. “ Seufzend lehne ich mich zu ihm, küsse ihn sanft und schlinge meinen Arm dann um seine Taille. Alex ist ein gutes Stück größer wie ich. Aber unsere Körper passen perfekt zusammen. Meinen Kopf lege ich auf seine Schulter ab und Blicke wieder nach vorne.

Alex hat die Blumen bereits, neben dem Stein, abgelegt. 4 rote Rosen für die Jahre, die ich mit Tim verbringen durfte. 3 weiße, für die Jahre, die er nicht mehr hier ist.

„Ich liebe dich.“ Ich schaue wieder zu Alex auf. Lächelnd wischt er mit dem Daumen über meine Wange. In seinen Augen finde ich so viel Liebe, dass ich mich jedes Mal in ihnen verlieren kann. „Ich liebe dich auch.“ Gedankenverloren spiele ich mit dem schlichten silbernen Ring an meinem Finger. Alex trägt das Gegenstück. Doch es sind keine Verlobungsringe. Noch nicht jedenfalls. Alex hat ihn mir geschenkt, als Versprechen. Das Versprechen, dass er immer an meiner Seite stehen wird. Er weiß, dass er es nicht immer einfach mit mir hat. Ich habe noch immer Albträume und sehe Tim sterben. Doch Alex ist da, hält mich fest und findet Worte, die mir trostspenden. Ich habe immer gedacht, dass ich mit Tim einen Glücksgriff gelandet habe. Doch Alex ist hingegen ein Sechser im Lotto.

In meiner Schwestern Stunde war Alex da und hat mir wieder gezeigt, was Liebe und Leben bedeutet. Nach Tims Tod habe ich nicht gedacht, dass ich je wieder einen Mann lieben kann. Doch Alex schenkt mir jeden Tag seine Liebe und macht jeden Tag zu einem Geschenk. Er sagt immer, dass ich die Klippe hochgeklettert bin. Doch eigentlich hat er mich hochgezogen. Mit seiner Geduld, seiner Wärme, Freundschaft und schlussendlich Liebe.

Ich blicke in den Himmel und schaue den Wolken zu, wie sie ihre Bahnen ziehen. „Danke.“ Ein weiterer Luftzug streift meine Haut und ich muss lächeln. Tim wird immer Teil meines Lebens bleiben. Mein Beschützer und mein Engel, der mir Alex geschickt hat. Wir hatten uns geschworen, dass wir immer füreinander da sein werden. Nach der Diagnose jedoch war klar, dass es nicht klappen würde. Doch jetzt, Jahre später, stehe ich nun hier und Tim ist weiterhin für mich da. Schaut auf Alex und mich hinab. Gerade jetzt, spüre ich seine Präsenz deutlich. Jedes Mal, wenn ich mit Alex hier bin. Lange hatte ich mich nicht getraut. Aus Angst, Tim zu hintergehen. Nach seinem Tod wieder zu leben, hatte sich nie richtig angefühlt. Erst durch Alex konnte ich diese Angst überwinden. Kurz schließe ich meine Augen, spüre das Gefühl in mir. Stumm schicke ich ein „Ich liebe dich“ in den Himmel. Man liebt immer mehrerer Menschen in seinem Leben. Manchmal verschwindet dieses Gefühl wieder. Aber für Tim werde ich dieses Gefühl nie verlieren. Er hat mich zu dem Mann gemacht, den Alex jetzt liebt.

Ich weiß nun was Leben bedeutet. Nach einer Katastrophe darf man die Hoffnung nicht aufgeben und muss jeden Tag so leben, als könnte es bald enden. Für jeden gibt es Licht am anderen Ende eines Tunnels. Und mein Licht heißt Alex.