Alex B. – Alberts Vermächtnis

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Alex B. – Alberts Vermächtnis

Haben Sie sich je die Frage gestellt, wie es sein kann, dass wir so viel erkennen und doch nichts wissen?

Wir erleben Alltägliches, schalten das Licht in unserer Wohnung ein, und wissen doch nicht wie genau es dazu kommt, dass die Elektrizität unsere Glühbirne erhellt. Nun, es sei denn Sie sind ein Elektriker. Aber hören Sie zu: So viel Gewöhnliches spielt sich um uns herum ab und nur die wenigsten machen sich Gedanken darüber, was genau die Ursachen dafür sind. Diese wenigen nennen wir dann Wissenschaftler, und setzten sie in die Position, um den Dingen auf den Grund zu gehen und alles zu regeln.

Ein Hoch auf die schlauen Köpfe unserer Welt. Wer könnte heute schon noch freiwillig ohne ein Licht in der Dunkelheit leben.

Doch was ist mit den sonderbaren Vorgängen in unserem Alltag? Kleinigkeiten, welche wir uns nicht einfach so erklären können. Bücher fallen von Schränken. Ein Kratzen in den Wänden. Wir tendieren dazu, diese Ereignisse zu ignorieren. Wir können sie uns nicht erklären und daher haben sie auch keinen Platz in unseren Gedanken. Wir unterdrücken die Angst, welche wir spüren, wenn uns in einem geheizten Raum ein kalter Schauer über den Rücken fährt.

Wir wollen nicht wissen was genau diese Umstände verursacht. Denn wir wissen, manches Wissen bleibt besser unerkannt.

“Wir danken dir.”

Ein Wesen, umhüllt von Dunkelheit tritt einige Schritte nach vorne. In den Armen hält es den leblosen Körper eines alten Mannes.

“Wir nehmen Abschied…”

Der Leichnam des Mannes schwebt in die Lüfte und ein Blitz erhellt die Szenerie. Mehrere Augenpaare offenbaren sich in der Dunkelheit, während der leblose Körper sich langsam wieder senkt. Sein Ziel scheint ein ausgehobenes Loch im Boden zu sein.

“….und werden dir auf ewig dankbar sein.”

Zwei weitere Gestalten treten nach vorne. Sie fangen an das Loch in welchem der Mann nun liegt langsam und auf Sorgfalt bedacht mit Erde zu füllen.
“In uns lebst du weiter.”

Wie ich eben bereits erwähnt habe, tendieren wir dazu unerklärliche Dinge, welche um uns herum geschehen, zu ignorieren. Nun, es ist auch einfacher. Wer möchte auch über die seltsamen Schritte nachdenken, welche von einem abgeschlossenen und leeren Dachboden erklingen. Doch jede Regel braucht auch eine Ausnahme. Und diese Ausnahme bilden eben diese Menschen, welche sich nicht von un-bekannten, irrationalen Dingen abwenden, sondern sich ihnen eher widmen und sich von ihnen faszinieren lassen.

Oft benötigen diese Individuen gar keine klaren Erklärungen für das was vorgefallen ist. Sie sind einfach schon damit zufrieden, zu sehen was genau geschieht. Sie sind diejenigen die freiwillig in dunkle Wälder schreiten um zu erkennen was geschieht, wenn niemand sonst zugegen ist.

Wer treibt sich nachts auf Friedhöfen her-um wenn nicht die Seelen der Verstorbenen? Wer sorgt für die Gänsehaut auf un-seren Armen wenn wir in dunkle Ecken unserer Zimmer sehen? Wohin verschwinden all die vermissten Personen, welche niemals wieder gefunden werden?

Diese Menschen wenden sich diesen Fra-gen zu und versuchen in das Dunkle zu blicken. Es zieht sie an wie ein Magnet.

Man möchte es vergleichen mit einem Licht am Ende eines langen, nicht enden wollenden Tunnels. Nur führt diese Tunnel sie in die Tiefe und an Orte, die die meisten Menschen nicht einmal im Traum betreten würden.

Albert war nie wie die anderen gewesen. Schon als Kind beschäftigte er sich mit denjenigen Dingen, welche anderen einen Schauer über den Rücken laufen ließen. Er war fasziniert von dem Merkwürdigen, von all den Nachtgestalten und dem Grauen, welches sich in jeder Ritze dieser Welt versteckte.

Von Lagerfeuergeschichten über Geistererscheinungen; der junge Mann hörte sich je-de Geschichte begeistert und mit größter Aufmerksamkeit an. Er hörte Geschichten über Monster, welche in Schränken hausten, über Poltergeister die Küchen demolierten und über Dämonen die Leben nahmen. Ja, sie hatten Angst… die Menschen.

Angst vor den bösen Geschöpfen der Nacht, vor der Schattenseite des Mondes. Sie fürchteten den Tod, das Unbekannte. Doch Albert hatte das fürchten nie gelernt. So lag er schon als kleines Kind nachts wach und sah sich das Schattenspiel vor dem Fenster genau an. Er lauschte wie der Wind heulte und die Äste gegen das Fenster peitschten. Er war sich sicher, nicht alleine zu sein, also fragte er jede Nacht aufs neue:

“Bist du auch so alleine, wie ich?”

Doch eine Antwort, bekam er nie. Die Schatten verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Doch sooft es auch eine rationale Erklärung zu geben schien, der Junge war sich sicher: Da war etwas. All diese Geschichten konnten keine Einbildung sein, nicht alles war ein Hirngespinst.

Somit fing er an die Geschichten zu sammeln.

Er schrieb jede einzelne Geschichte nieder, jedes Ereignis, jeden Todesfall. Wenn schon nicht alles der puren Wahrheit entsprach, so fand sich sicher in jedem einzelnen Fall ein Fünkchen davon wieder. Ein Schatten existiert nur mit seinem Original. Man musste nur lernen, hinter die Fassade zu blicken.

Fahles Licht erhellte den Raum. Egal wie sehr es Albert mochte mit der Dunkelheit vereint zu sein; ohne das Licht einer Kerze ließ es sich nicht so einfach schreiben. Und schreiben konnte man eben am besten in der Nacht. Das einzig wahrnehmbare Geräusch, das Kratzen des Stiftes, erweckte den Eindruck von Frieden. Doch vermochte das Geschriebene alles andere als friedvoll zu sein.
Albert fing an, seine Notizen in einem großen Buch zu sammeln und für die Nachwelt festzuhalten. Über die Jahre hinweg hatte er einige Informationen auftreiben können. Manche Geschichten hörte er immer wieder, andere erwiesen sich als Einbildung.

Folglich konnte er sich sein ganz eigenes Bild von der Wahrheit machen und sie niederschreiben.

So entstand auch seine Theorie des Verschwindens. Früher hatte er oft die Ge-schichte vom schwarzen Mann gehört. Als er jedoch älter wurde, kannte sie niemand mehr. Sie war wie in Luft aufgelöst. Doch was war mit dem schwarzen Mann passiert? Albert hatte die Theorie, dass auch die armen Fabelwesen, Monster und Nachtgestalten in Vergessenheit geraten könnten. Ein weiterer Grund, wieso er sein Buch fertig bekommen musste.

Was einmal geschrieben steht, kann niemals vergessen werden.

Sie können sich wohl schon selbst denken, was der junge Albert hier mit seinen Schriften im Schilde führt. Wer möchte denn auch, dass das ihm Kostbare in Vergessenheit gerät. Da der junge Mann sich seine Theorie entwickelt hatte, machte er es sich zum Ziel, all jenes Wissen, welches er sich an-geeignet hatte in einem Werk zu bündeln. Dieses sollte dazu dienen, dass niemand mehr seine geliebten Geschöpfe vergessen würde.

Albert nannte sein Lexikon VIRUS. Denn wie ein Virus sollte sich sein Wissen verbreiten und in die Köpfe der Menschen ein-brennen. Niemand sollte mehr vergessen. Eine pfiffige Idee, wenn Sie mich fragen. Aber was soll man auch von einem Jungen erwarten, welcher seine Zeit alleine in einem dunklen Zimmer verbringt.

Es war mittlerweile gut gefüllt. Die Jahre hatten mehrere Geschichten ins Hause an-gespült und jede einzelne wurde unter die Lupe genommen und dann sorgfältig notiert. Schon über 32 Seiten hatte das Lexikon. Ein Lächeln breitete sich auf Alberts Gesicht aus. Eines Tages würde er das Lexikon auf den Markt bringen und alle Menschen würden sich an die vergessenen Geschichten erinnern! Er würde den Menschen das Grauen zurück ins Haus holen und seinen armen Monstern die Freiheit schenken.

Eine kalte Briese wehte. Der Herbst war angebrochen und weitere vier Seiten des Lexikons waren fertiggestellt.

Sorgenfalten lagen auf der Stirn des Mannes. In seinem fortschreitenden Alter kam er zu langsam voran. Ein Planwechsel musste her.

Noch dazu hatte sich herausgestellt, dass seine Theorie des Vergessens anscheinend stimmte. Mit diesem Wissen schuldete er ihnen seine Hilfe erst recht.

Nun, die wenigsten Familien sind wohl da-von begeistert, wenn sich einer der Ihren in seinem Zimmer verbarrikadiert. Das Anfertigen seltsamer Mitschriften über unbekannte Wesen sind da auch keine große Hilfe. So sollte es niemanden wundern, dass Alberts Familie seinen Enthusiasmus nicht gerade teilte. Ein trauriger Umstand für den Mann. Nach Jahren der Auseinandersetzungen setzten sie ihn auf die Straße, hoffend ihn so zu animieren, dem “Leben”, wie sie es selbst nannten, zu folgen. Auf eigenen Beinen sollte er stehen, nicht seinen für sie unverständlichen Trieben folgen.

Es ging immer schleppender voran. Ohne Unterstützung und nun vollkommen auf sich gestellt, wusste Albert nicht mehr wo ihm der Kopf stand. Er wollte doch nur das Lexikon endlich herausbringen. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, die Strategie zu ändern. Er konnte es sich nicht leisten zu warten, bis er sein Werk vollendet hatte. Wer wusste, ob er das überhaupt jemals können würde. Die einzige Möglichkeit für ihn war, das Lexikon nach und nach zu veröffentlichen. So konnte Albert immerhin jetzt schon einige seiner geliebten Geschöpfe vor dem vergessen werden retten.

Dem ersten Band von VIRUS folgte schon schnell der zweite. An Geschichten mangelte es ihm nicht, so konnte er regelmäßig seine Bände veröffentlichen.

Die Leute lasen es!

Viele wollten sich nur gruseln, aber das war egal. Hauptsache sie nahmen die armen, vergessenen Monster wieder in ihr Leben auf. Mit jedem weiteren verkauften Band verdiente Albert mehr Geld. Und dieses Geld wurde sorgfältig gespart um auf Reisen zu gehen!

Es gab noch viele weitere Geschichten zu entdecken, weit außerhalb seiner gewohnten Umgebung.

14 Bücher waren inzwischen auf dem Markt. Alle enthielten sie die grausamsten Geschichten. Doch Albert dachte nicht ans Aufhören. Er musste weitermachen, er wollte jeder Seele helfen. Sie alle hatten ein Recht darauf!

Es sollte ihnen nicht gehen, wie es ihm ergangen war. Ausgestoßen und von der Menschheit vergessen. Doch mit zunehmendem Alter wurde es immer schwerer. Es kam wie es kommen musste. Das Alter holte Albert ein und machte es ihm nicht mehr möglich, auf Reisen zu gehen. Er war an sein Zimmer gefesselt. Seine einzige Möglichkeit an neue Informationen zu gelangen waren Briefe von seinen Lesern, welche ihm ihre Geschichten und Erfahrungen schilderten.

Albert merkte, dass er mit seinem Vorhaben Erfolg hatte. Er erreichte Menschen und er würde damit bis zu seinem Ende nicht aufhören. Doch nach all seinen Bemühungen machte es das Herz des Mannes nicht mehr lange mit und eines Tages lag er tot in seinem Bett. In den Armen nur den fünfzehnten Band seines Lexikons.

Wenn Sie nun glauben, dass Alberts Leiche auf konventionelle Art und Weise bestattet wurde, dann glauben Sie wohl auch an ein gerechtes Leben für alle Menschen. Der Körper des Mannes wurde nicht mehr gefunden. Manche seiner Angehörigen glaubten, dass er selbst im Tode zu stur war, um etwas auf die normale Art zu tun. Das einzige was von dem alten Mann übrig war, war ein Manuskript, welches der Arzt am folgenden Morgen auf dem Kopfkissen Alberts fand.

Es wurde wenige Wochen später als der 15. Band des VIRUS-Lexikon veröffentlicht.

Das Grab war verschlossen und die beiden Kreaturen verschwanden wieder in der Dunkelheit. Lediglich ein Krallenabdruck auf der frisch umgegrabenen Erden zeugte von ihrer Anwesenheit. Ein Wispern lag in der kalten Nachtluft welche den Friedhof umhüllte.

“Vielleicht kommen wir eines Tages alle wieder zurück.”