Marco S. – Die letzte Geschichte

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Marco S. – Die letzte Geschichte

Die kleine Redaktion, die sich in einem heruntergekommenen Berliner Hinterhof befand, es waren nur zwei Zimmer angemietet, hatte anfangs nicht die nötige Reichweite, um seine verhängnisvollen Worte zu verbreiten. Die dunklen Räume, die sogar zur Mittagsstunde in einem diffusen Lichtspiel verharrten und von gewaltigen Plattenbauten umzingelt schienen, bildeten die Arbeitsstube zweier aufstrebender und ehrgeiziger Redakteure, die im Alleingang eine Zeitschrift publizierten und außerhalb der breiten Masse eine Nische fand. So war es nicht besonders verwunderlich, dass die überschaubare Auflage nur eine kleine Gruppe von kulturaffinen Intellektuellen erreichte. In ihrem Selbstverständnis sahen sich die Aufstrebenden als Avantgarde einer neuen geistigen Elite, die weder populär oder massentauglich sein durfte, in ihrem Nichterfolg sahen sie die Bestätigung ihrer eigenen Genialität. Nach Jahren der Entbehrungen und der ständigen Pleite vor Augen, relativierte sich der Blick auf das selbst erschaffende Theaterstück, sodass trivialere Lebenskonstrukte attraktiver erschienen. An einem regnerischen Tag, der den Innenhof noch trister und dreckiger erschienen ließ, lag das Manuskript eines Mannes namens Elias Sommer auf dem Redaktionstisch. Es war nichts Besonderes an diesem Umstand, jeden Tag gingen zahlreiche Werke in der Redaktion ein, auch der schlichte und wenig auffällige Name des Autors schien nicht auf eine besondere Qualität zu deuten. Mathias saß in seinem Ledersessel, der viel zu groß für seinen zierlichen und kleinen Körper war und ihn zu jedem Zeitpunkt zu verschlingen drohte. Wie jeden Morgen starrte er an die Decke, beobachtete die Flecken und die zerrissene Tapete, kaute nachdenklich an einem Bleistift herum, während er mit zusammengekniffenen Augen durch seine runden Brillengläser blickte. Mathias kümmerte sich vor allem um das Geschäftliche, während sein Partner der kreativere Kopf war, Artikel und Kommentare verfasste, gelegentlich auch Gedichte. An diesem Tag, der wie jeder andere zu sein schien, griff Mathias zum Manuskript, blätterte gelangweilt in den Seiten und begann zu lesen. Das Geschriebene war keinesfalls von schöpferischer Kunst geprägt, wies keine Parallelen zu den Stilen anderer bekannter Schriftsteller auf, die man in der Redaktion allzu häufig mit Verdruss vernahm und voller Genugtuung in den Müll warf. Die Sätze waren einfach gehalten, ohne Schnörkel und melodramatischen Tamtam. Die Geschichte selbst war mit zahlreichen Klischees behaftet, jeder Kenner hätte die vom Autor geschaffenen Kreaturen, die aus einer monströsen Schattenwelt stammten, lachend zerrissen und als Klamauk abgestempelt. Doch konnte man sich seinen Worten, der dichten und unheilvollen Atmosphäre nicht entziehen. Die dystopische Welt brannte sich in den Verstand, ließ den Leser nicht mehr los. »Seit wann liest du denn Manuskripte?«, fragte Jonas, der wie immer zu spät in die Redaktion eintrudelte und inspizierend vor seinem Kollegen stand. Jonas war äußerlich das komplette Gegenteil von Mathias, er war hochgewachsen, hatte eine schmale Statur, die er mit einer aufrechten und strammen Haltung kräftiger erschienen ließ. Auch seine Kleidung, die er immer in Schwarz hielt und sein Künstlerdasein unterstreichen sollte, machte Jonas zu einem ansehnlichen Mann. »Was ist denn heute los mit dir?«, wiederholte Jonas und setzte sich mit einem aasigen Lächeln auf ein rotes Sofa mit sichtbaren Gebrauchsspuren. Mathias starrte auf das Manuskript, die Augen glasig brennend, auf seiner Stirn sammelten sich Schweißperlen. »Hast du das hier schon gelesen?«, fragte Mathias und streckte seinem Kollegen die Papiere entgegen. Mit leeren und rotunterlaufenden Augen, die auf eine zehrende Nacht hinwiesen, blickte Jonas ihn an, während sein rechtes Auge unregelmäßig pochte und der Augapfel sich scheinbar nach innen verschob. Mathias richtete seinen Oberkörper ruckartig auf, seine steifen Finger in das Leder des Sessels gepresst, stammelte er mit zittriger Stimme: »Dein Auge … dein Auge, Jonas.« Jonas antworte nicht und blieb regungslos. Eine weiße, zähe Flüssigkeit quoll aus seinen Augenhöhlen, der Augapfel ploppte heraus und baumelte am blutverschmierten Sehnerv. Mathias drückte seinen Körper in die Lehne, seine Füße strampelten gegen den Schreibtisch, mit der scheinbaren Absicht die nicht begreifliche Situation abzuwehren. Er riss seinen Mund auf, mit der Absicht laut aufzuschreien, doch waren die Stimmbänder in eine ähnliche Starre verfallen, wie der Rest seines Oberkörpers. Hitzige Schübe pulsierten von Brust in den Kopf und benetzen seine Stirn mit einer klammen Kälte.

»Wach auf!«, schrie Jonas, der vor seinem Partner stand und an dessen Schulter rüttelte. Mit einem lauten Aufschrei, der mehrere Sekunden andauerte und Jonas im Nachhinein schockierte, wachte Mathias auf. »Oh mein Gott!«, stammelte er vor sich hin, während er die Hände vor seinem Gesicht verschränkte und begann hysterisch zu lachen. »Ist alles in Ordnung?«, fragte Jonas, der aus Unsicherheit ein paar Schritte zurückgegangen war. »Ja … Ja, alles in Ordnung …«, antwortete er gereizt. »… nur ein Albtraum.« Mathias lehnte sich in seinen Sessel zurück, der offensichtlich erschöpft und erleichtert zugleich war. »Du brauchst bestimmt Urlaub.«, sagte Jonas mit einem gezwungenen Lächeln und versuchte die unbehagliche Situation aufzulockern. Wortlos zeigte Mathias auf das vor ihm liegende Manuskript. Jonas musterte ihn argwöhnisch, vermutete insgeheim, dass sein Partner wieder getrunken hatte. In vergangenen Monaten kam es häufiger vor, dass er auf dem Schreibtisch eine billige Flasche Whiskey vorfand, die er früher mühevoll in eine seiner Schubladen versteckte. Jonas griff widerwillig nach dem Manuskript, setzte sich auf das Sofa zurück, las die ersten Worte. Sein Gesicht verschwand hinter dem weißen, fleckigen Papier, ab und zu hörte man ein Grummeln oder Raunen, auf der dritten Seite ließ er ein überhebliches Zischen über die Zunge gleiten. »Ist das dein Ernst, Mathias?«, sagte Jonas, wobei er jedes einzelne Wort besonders stark betonte. Doch blieb sein Gesicht – trotz der ganzen Scharade – versteckt hinter dem Manuskript, sodass Mathias nur erahnen konnte, was in seinem Freund gerade vorging. Mathias goss sich in der Zwischenzeit Whiskey in ein leicht verschmutztes Glas ein, schlürfte die brennende Flüssigkeit mit einem Hieb herunter und schenkte sich einen Weiteren ein. Sein Partner grummelte. »Für die Nerven«, rechtfertigte sich Mathias. »Du wirst schon sehen«. Mit seinem Glas in der Hand lag er in seinem Sessel und schaute in den Innenhof, der Regen prasselte mit einem dumpfen Rauschen gegen die Fensterscheiben. Mathias schlürfte an seinem Glas, schüttelte seinen Kopf, während er den Albtraum vor seinem inneren Auge noch einmal erlebte. »Ist das einer von uns?«, fragte Jonas, blickte argwöhnisch über das Manuskript hinweg. »Es ist keiner von uns. Seinen Namen habe ich auch noch nie gehört. «, erwiderte Mathias, der sich zum Schreibtisch vorbeugte und sein Glas abstellte. »Was denkst du?« Jonas griff sich das Glas seines Partners und schlürfte die beißende Flüssigkeit die Kehle herunter. »Ruf‘ ihn an. Er soll herkommen.« Mathias nickte zustimmend, blätterte in seinen Unterlagen und griff nach dem Telefon.

Mathias hatte sich bereits eine Flasche Rotwein bestellt, als Jonas verspätet im Café eintrudelte. Mit einer unscheinbaren Handbewegung hatte er sich bei der Bedienung ein Bier bestellt, die ihm mit einer auffallenden Freundlichkeit begrüßte; so empfand es jedenfalls Mathias, der sich daran störte. »Du bist spät dran. Wie immer.« Jonas überhörte die forschen Worte seines Partners und setzte sein aasiges Lächeln auf. Einen kurzen Moment später hatte Jonas bereits sein Bier in der Hand, das noch vor der Weinflasche serviert wurde. »Das ist ein Laden.«, murmelte Mathias und schüttelte seinen Kopf. Jonas grinste, goss das schäumende Gebräu in den Rachen. »Was gibt‘s Neues?«, fragte Jonas mit einem beiläufigen Ton in seiner Stimme, während er der Bedienung nachschaute. »Er will kein Treffen.«, sagte Mathias gereizt. »Der Kerl mit der Horrorgeschichte?« Jonas schaute inspizierend durch den Laden, der suchende Blick nach dem anderen Geschlecht. Mathias antwortete ihm aufgesetzt desinteressiert, um seine Aufmerksamkeit zu erhaschen: »Ja.« Es funktionierte. Mathias kannte die Achillesferse seines Gegenübers, es war dessen innere Eitelkeit, die noch größer war, als die äußere. Jonas, nun konzentriert, fragte: »Und was machen wir jetzt?« Mathias freute sich über die gewonnene Aufmerksamkeit, auch wenn er es niemals zugegeben hätte. »Ich habe ihm angeboten, dass wir monatlich eine seiner Geschichten veröffentlichen. Er hat zugestimmt. Mehrere Geschichten liegen auf meinem Schreibtisch. Einige habe ich bereits gelesen …«, Mathias räusperte sich. »… sie sind wieder … speziell.« Jonas lachte und lehrte die Bierflasche, während er sich mit seiner dezent schwungvollen Handbewegung ein Weiteres bestellte. »Deshalb bist du so aufgekratzt.« Mathias ignorierte die Worte seines Gegenübers, drückte die Fingerkuppen in seine Oberschenkel. Doch hatte Jonas mit seiner Äußerung recht gehabt. Die Geschichten hatten eine Wesensveränderung verursacht, die Mathias verdrängte und auf andere Umstände zurück folgerte. Er war nervöser und unkontrollierter. Nur sein alltäglicher Alkoholkonsum milderte diesen Umstand. Die Kellnerin kam zum Tisch und überreichte Jonas sein Bier, während sie Mathias anstarrte. Mit starren Gliedmaßen blieb sie am Tisch stehen und musterte ihn. Jonas nippte an seinem Bier und ließ seinen Blick wie üblich durch den Laden schleifen. Mathias räusperte sich und versuchte Jonas über das ungewöhnliche Verhalten der Kellnerin zu informieren. Erst nach mehrmaligen Versuchen schaute er fragend zu ihm. »Was ist denn los mit dir?« Mathias nickte leicht mit seinem Kopf in Richtung der neben ihm stehenden Frau, räusperte sich mehrmals und nuschelte unverständlich einige Worte. »Stimmt etwas nicht?«, fragte Jonas nun besorgt und stellte seine Flasche auf den Tisch. Die Hände von Mathias verkrampften, ballten sich zu Fäusten, er drehte sich zur Kellnerin und schrie hysterisch: »Was wollen Sie von mir?« Seine Worte verhallten im Nichts, die Kellnerin war verschwunden. Verstörte und verwunderte Gäste blickten ihn nun an, während Jonas mit seinem aasigen Lächeln zu den Gästen schaute und sie mit einer Handbewegung beschwichtigte. Er beugte sich zu seinem Partner herüber und flüsterte besorgt: »Was hast du denn?« Mathias war wie ausgewechselt, schaute nervös um sich und versuchte die Situation einzuordnen. »Hast du die Frau nicht gesehen?«, fragte Mathias und starrte in die Leere. »Welche Frau?«, erwiderte Jonas und blickte um sich. »Du solltest vielleicht ins Bett und dich ein wenig ausschlafen.« Mathias lachte nervös und stimmte seinem Partner zu. »Ja … Schlaf … Schlaf ist wohl das Beste.« Mathias stand auf, griff nach seiner Jacke und wollte schnell den Laden verlassen, als ein großer Schatten ihm den Weg versperrte. Es war die Frau, mit ihren steifen Gliedmaßen. Eine weiße, zähe Flüssigkeit quoll aus ihren Augenhöhlen, der Augapfel ploppte heraus und baumelte am blutverschmierten Sehnerv. Mathias stolperte zurück auf seinen Stuhl, den er mit seinen Händen umklammerte, er riss seinen Mund weit auf, während er wie ein Wahnsinniger laut schrie. »Wach auf!«, schrie Jonas, der vor seinem Partner stand und an dessen Schulter rüttelte. Mathias schaute verstört durch den Raum. »Wo bin ich?« Jonas nahm die Whiskeyflasche in seine Hände und schüttelte lächelnd seinen Kopf. »Du solltest weniger trinken.« Mathias schrie laut auf, drückte seinen Körper in den Ledersessel. »Mein Gott, Mathias. Was ist denn los mit dir?«, fragte Jonas mit besorgter Stimme. »Irgendetwas stimmt nicht. Warum bin ich wieder hier? Ich war doch gerade noch …« Jonas stützte sich mit seinen Händen auf dem Schreibtisch ab. »Wo warst du, Mathias?« Die Hände von Mathias zitterten, kalter Schweiß glitt seine Stirn herunter, während unruhige Augen den Whiskey fokussierten. »Gib mir die Flasche.«, stammelte er. »Ich glaube nicht …«, erwiderte Jonas mit trüben Blick. »Gib mir die Flasche!«, unterbrach Mathias schreiend. Wortlos und schockiert übergab er seinem Partner die Flasche. Mathias drehte hastig den Schraubverschluss auf und würgte die ätzende Flüssigkeit die Kehle herunter. Jonas setzte sich auf das rote Sofa, starrte voller Sorge und Mitgefühl in seinen Augen zur jämmerlichen Gestalt. »Vielleicht solltest mit jemanden reden.« Mathias lachte höhnisch. »Ich mache mir Sorgen.« Jonas reckte ungelenk seine Hand zu Mathias, die eine symbolische Geste darstellen sollte, jedoch auf Mathias als Belehrung wirkte. »Das wäre ja was ganz Neues.«, zischte es zynisch aus seinem Mund. Ein kräftiger Donnerschlag unterbrach die angespannte Situation, Jonas atmete tief durch. Regen prasselte lautstark gegen die Fensterscheiben, hüllte den Raum in ein hypnotisches Rauschen. Mathias leerte den Rest der Flasche, Jonas schaute stillschweigend auf den Boden.

Die Planungen waren bereits seit Wochen im Gange, Mathias hatte seit Tagen das Büro nicht mehr verlassen. Die Kurzgeschichten von Elias verbreiteten sich anfangs nur langsam, sorgten mit zahlreichen Leserbriefen jedoch für großes Aufsehen. Nach einigen Jahren entwickelte sich ein kleiner Kult um den Schreiber, auch die Absatzzahlen stiegen zur Freude der beiden Redakteure. In etlichen Tageszeitungen wurde vom unbekannten Schriftsteller berichtet, der eine okkulte Gemeinde entstehen ließ, die mit psychopathischen Straftaten in Verbindung gebracht wurden. Völlig unerwartet kündigte Elias eine einjährige Auszeit an, in der er eine letzte Geschichte vorbereiten wollte. Die Redakteure inszenierten dieses Spektakel minutiös, hielten die Anhängerschaft mit Hintergrundgeschichten und anderem Tamtam auf der Spur. Zum 15. Jubiläum der Zeitschrift sollte vor der Redaktion ein kleines Medienereignis zelebriert werden, an dem die letzte Geschichte von Elias präsentiert würde. Elias war verschwunden, niemand wusste, wo sich der Schreiber aufhielt, oder was er für die große Veröffentlichung plante. Derweilen verbreiteten sich zahlreiche Gerüchte, eins obskurer als das andere. Der Tag der Veröffentlichung näherte sich, die Massenhysterie um den verschwundenen Autoren befand sich auf einem Maximum, Gewaltausbrüche unter den Fans waren nun fast alltäglich, während die Lokalnachrichten vom Sommervirus sprachen, da die gewaltbereiten Menschen wie von einer Krankheit befallen waren und schizophrene Tendenzen aufwiesen. Die Angst und Unruhe verbreitete sich in den Straßen und wurde durch die Redakteure befeuert, nachdem sie bekannt gegeben hatten, die Kurzgeschichten zu verfilmen und nach der letzten Veröffentlichung in die Kinos zu bringen. Der entscheidende Tag war eingetroffen, als ein letzter Umschlag in die Redaktion einging. Mathias war der Erste, der ihn in die Finger bekam, hastig den Umschlag aufriss, sich in seinen Sessel lehnte und die Geschichte las. Jonas stürmte atemlos in das Büro. »Sie sind alle da, Mathias. Ich brauch dich da draußen.« Jonas keuchte, rückte sein Hemd zurecht und bemerkte einen beißenden Schweißgeruch, der beschämend in seine Nase zog. »Mein Gott, Mathias. Deine Augen bluten!« Mathias starrte zu seinem Partner, neigte leicht seinen Kopf. »Du musst das hier lesen.«, flüsterte Mathias. »Was ist los mit dir?«, erwiderte Jonas entsetzt und ging mit unsicheren Schritten auf ihn zu. „Du musst das hier lesen!«, schrie Mathias und schleuderte ihm die Zettel entgegen. Jonas ging einige Schritte zurück, schaute fassungslos, unfähig eine Reaktion zu zeigen. »Du sollst gefälligst lesen!«, fauchte Mathias sabbernd. »Ich kümmere mich um die Journalisten. Du bleibst hier.«, antwortete Jonas, der versuchte das Grauen des Gesehenen durch eine vorgetäuschte Normalität zu überdecken. Schwitzend, mit konfusen und nicht klar greifbaren Gedanken stellte er sich der Presse, die noch hysterischer auf Neuigkeiten wartete, als die bereits infizierte Masse. »Können Sie uns etwas über das Verschwinden von Elias Sommer berichten. Ist es nur eine PR-Aktion?« Jonas lächelte nervös dem Blitzlichtgewitter entgegen. »Welchen Namen trägt die letzte Geschichte?« Jonas nickte, schaute mit wirren Augen in die Menge. »Wir haben eben erst die Geschichte bekommen. Mein Kollege …« Die Hände von Jonas zitterten. »… Mein Kollege sichtet in diesem Augenblick das letzte Manuskript.« Jonas kreuzte die Hände hinter seinem Rücken, schnappte wie ein Neugeborenes nach Atemluft. »Was sagen sie zur Behauptung einiger Wissenschaftler, die kausale Zusammenhänge zwischen den Geschichten und dem vermehrten Auftreten von Gewaltexzessen und schizophrenen Erkrankungen sehen?« Jonas räusperte sich, schüttelte mit dem Kopf. »Kkh … ich sehe da keine Zusammenhänge. Das klingt für mich nach Fantasterei, und das ist bekanntlich unser Job.« Einige Reporter und Gäste lachten, auch Jonas setzte sein aasiges Lächeln auf. »Eine Untersuchung, die von Professor Krause vom Institut für Linguistik durchgeführt wurde, beschreibt, dass Sprache dazu fähig ist, Denkmuster zu verändern, somit auch Auswirkungen auf Verhaltensweisen haben kann.«, setzte ein Journalist nach. »Da fehlen mir die nötigen Informationen, sodass ich nicht viel dazu sagen kann. Ich bezweifle jedoch, dass Kurzgeschichten, auch wenn sie aus dem Horror-Genre stammen mögen, zu solch einer Massenhysterie fähig sind. Um mehr als eine Hysterie handelt es sich hier auch nicht, die natürlich von den Medien aufgebauscht wird.« Eine Frau, die zwischen einigen Journalisten stand, schrie entsetzlich auf. Mathias stand mit Blut und Tränen unterlaufenen Augen hinter Jonas, in seinen Händen eine zerbrochene Whiskeyflasche, die er sich wortlos in den Hals rammte. Eine ungewöhnliche hohe Blutfontäne spritzte für einen kurzen Moment aus dem Hals, während der Körper von Mathias zusammensackte und auf den Asphalt knallte.

Aufgrund der Ausschreitungen fuhr er die Landstraßen entlang, sie boten zwar keine absolute Sicherheit, doch waren sie passierbar. Nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung kamen die Kurzgeschichten ins Kino und stellten alte Zuschauerrekorde ein. Mit diesem Medium konnten nun auch die Massen erreicht werden, sodass sich die Hysterie auf den Straßen virusartig ausbreiten konnte. Vernunft und Ordnung waren nur diffuse Erinnerungen, die Nachrichten überschlugen sich, der Notstand wurde ausgerufen. Erst waren es nur wenige Betroffene, die vom Sommerwahnsinn – so tauften die Medien die auftretende Krankheit – befallen waren. Doch als die Krankheit in den Großstädten ankam, begann das Chaos, Krankenhäuser füllten sich, Feuer breiteten sich aus, die Feuerwehr rückte nicht mehr aus. Die Menschen flüchteten aus den Ballungsräumen, suchten verzweifelt Schutz in abgelegene Grenzregionen. Die Leichen türmten sich in den Straßen, auch die entsendete Bundeswehr, die in einer Notfallsitzung zum Schutz der Bevölkerung entsendet wurde, konnte die Gewalt nicht eindämmen. Jonas fuhr mit Schritttempo eine verlassene Allee entlang, auf dem Beifahrersitz ein Umschlag, es war die letzte Sendung von Elias. Jonas hatte nur ein Ziel. Elias finden. Dem Albtraum auf die Spur kommen, Antworten finden. In wenigen Stunden, ohne Zwischenfälle, kam Jonas überraschender Weise, so stellte er fest, in Altenmoor an. Er blieb für einen Augenblick stehen, stellte den Motor ab und stieg aus dem Auto. Der Weg führte ihn bergaufwärts. In der Ferne konnte er einen alten Kirchturm sehen, der durch ansetzenden Nieselregen in einem grauen Schleier eingehüllt war. Doch bereits hier konnte er erkennen, dass die Kirche heruntergekommen war und nichts mit prunkvollen und christlichen Bauten gemeinsam hatte. In unmittelbarer Nähe der Kirche waren zahlreiche Backsteinhäuser, aus deren Schornsteinen dicker und grauer Qualm aufstieg. Er kramte in seiner Manteltasche herum, holte einen silbernen Flachmann heraus und nahm einen kräftigen Schluck. »Endlich«, nuschelte er vor sich hin und steckte den glitzernden Gegenstand zurück in die Tasche. Ein gezwungenes Lächeln breitete sich im mageren Gesicht aus, der stärker werdende Regen prasselte unaufhörlich auf ihn nieder. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Er ging weiter, Richtung Dorfeingang, auf einer matschigen und schmalen Straße. Sein Mantel war bereits durchnässt, als er durch das Dorf schritt und nach einem Nachweis von Zivilisation suchte. Keine Menschenseele war auf der Straße zu sehen, selbst die Wohnhäuser wirkten kühl und verlassen. In der Ferne konnte er jedoch undefiniertes Gerede und Geschreie hören. Sein Blick richtete sich hysterisch auf die gegenüberliegende Seite der Straße, wo ein kleines Gutshaus stand. Warmes Licht schien aus den Fenstern. Die Sonne war bereits untergegangen und die Kühle der Nacht zog sich durch seinen nassen Körper, sodass er schnell über die Straße lief und die Tür öffnete. Warme und verqualmte Luft strömte ihm entgegen, die in ihm ein vertrautes Gefühl von Heim auslöste. Alle Blicke richteten sich auf ihn, als er in den Laden eintrat. »Verschwinde!«, ertönte es aus einer Ecke. Im nächsten Moment spürte er einen stechenden Schmerz am Kopf. Er verstand nicht, was passiert war, seine Hand umschlang instinktiv seine Stirn. Als er sie betrachtete, erblickte er voller Entsetzen eine tiefrote Farbe, die seine Hand benetzte und herunterlief. Er sackte zusammen und verlor für einen flüchtigen Augenblick sein Bewusstsein. »Können Sie mich hören?«, fragte eine sanfte Stimme. Als er wieder langsam zu sich kam und zur Stimme blickte, sah er eine junge Frau, die mit einem feuchten Tuch auf seine Wunde drückte und ihn besorgt anschaute. Sie war eine sehr zierliche Frau, die ihre aschblonden Haare zu einem Zopf verband. In seinen Augen war sie keine besonders hübsche Frau, hatte nichts mit den Großstadtschönheiten zutun, doch ihre klaren, blauen Augen, strahlten unfassbar viel Güte aus, dass er sie nur wortlos anstarrte. »Verstehen Sie mich?«, fragte sie, während sich ihre Stirn sorgenvoll runzelte. Erst jetzt konnte er sich aus seinem Dämmerzustand lösen und antworte ihr. »Ich bin auf der Suche nach Elias Sommer.« Das laute Gelächter und Geschreie im Laden verstummten abrupt. Er konnte sehen, dass die junge Frau, die ihn so liebevoll versorgte, zusammenzuckte, aufstand und wegging. Ein alter Mann, mit grauen und struppigen Haaren kam auf ihn zu, kniete sich zu ihm und hielt mit der Hand seine Schulter. »Junger Mann. Sie sollten wieder umkehren. Dieser Ort ist nichts für Sie. Hier werden Sie keine Antworten finden, die Ihnen gefallen werden«, sagte der alte Mann mit einer beruhigenden und tiefen Stimme. »Es gibt kein Zurück mehr«, flehte er und wischte die Hand des alten Mannes von seiner Schulter. Der alte Mann löste seinen Blick und starrte in die Leere. »Nun gut. Sie können für eine Nacht bleiben. Mehr kann ich für Sie nicht tun. Sie sollten spätestens morgen Abend diesen Ort verlassen haben«, sagte er, während er mit der rauen Hand auf seine Schulter klopfte. »Agnes! Komm‘ her und hilf diesem armen Tropf. Er braucht ein warmes Bett, trockene Kleidung und eine ordentliche Mahlzeit«, schrie er, ohne wirklich schroff zu wirken. Sofort kam sie, bückte sich, um ihn zu stützen und brachte ihn ein Stockwerk nach oben. Obwohl sie so zierlich war, steckte in ihr eine Kraft, die ihn überraschte. Sie schleppte ihn in einen kleinen Raum, der verstaubt und kühl war. Er schien schon länger leer zu stehen, nur ein altes Bett mit einer einfachen Decke war vorhanden, ein kleines Fenster aus sprödem Holz ermöglichte einen Ausblick auf die verregnete und verschlammte Straße. Agnes löste sich von ihm, ging zum Bett und schüttelte die Decke, sodass sich eine Wolke aus Staub im Raum ausbreitete. Hastig ging sie vor die Tür, holte einige Dinge, ging zum Fenster und stellte Kerzen auf das Fensterbrett, die sie mit Streichhölzern anzündete. Der Raum erstrahlte plötzlich in einem warmen Licht, sodass selbst die karge Schlafgelegenheit gemütlich auf ihn wirkte. Es war ihm sowieso egal, er wollte sich nur noch hinlegen. Die Reise und der Angriff auf sein Leben hatten ihn seine letzten Kraftreserven gekostet. Er fiel wie ein nasser Sack auf das Bett, während seine Augen so schwer wurden, dass er sie selbst mit größter Anstrengung nicht mehr offen halten konnte. Er hörte nur ein lautes Stöhnen, das wohl von Agnes ausging. Er spürte, wie sie ihm die Stiefel auszog und lautstark auf den Boden fallen ließ. Sie deckte ihn zu und ging für einen kurzen Moment aus dem Zimmer. Als sie wieder kam, stellte sie einen Teller mit Brot, Käse und bisschen Wurst auf den Boden. Ein lauter Knall, sie schloss die Tür und war verschwunden. Er erschrak, seine Augen öffneten sich träge, sodass er das flackernde Kerzenlicht sah, das er nur noch als einen diffusen Tanz aus Licht und Schatten war nahm. Es beruhigte ihn. Sein schwerer Körper drückte sich tief in das Bett. Er schlief ein.
Als er wieder zu Bewusstsein kam, langsam seine verklebten Augen öffnete, stach ihn bereits das Sonnenlicht in den Augäpfeln. Er erkannte einen schemenhaften Körper, sodass er sich mit einem lauten Aufschrei ruckartig aufrichtete. Ein leises Gekicher ging von der Gestalt aus. Er wischte sich den Schlaf aus seinen Augen und erkannte, dass Agnes vor seinem Bett saß und ihn mit großen Augen beobachtete. »Sie haben ja gar nichts gegessen. Sie müssen etwas essen, wenn Sie heute noch aufbrechen wollen«, flüsterte sie, während sie nach dem Teller griff und ihn hochhielt. »Vielen Dank«, murmelte er und griff nach dem Brot, das er in zwei Hälften riss. »Die Sonne scheint«, sagte er. Sie nickte nur. »Sie sollten nach Hause fahren.« Jonas griff nach seinen Stiefeln, nahm seinen klammen Mantel in die Hand und ging aus dem Zimmer. »Wie geht es Ihnen?«, fragte der alte Mann, der hinter der Theke stand und ein Bier trank. »Es geht mir besser.«, antwortete er und nickte leicht mit seinem Kopf. »Kommen Sie her!«, schrie der Alte und stellte ein Bier auf die Theke. Jonas ging vorsichtig zur Theke, nahm das Bier in die Hand und nickte. Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas. Er bemerkte, wie der Alkohol seine Wirkung verströmte. All seine Sorgen und Ängste, die er mit der Reise verband, auch die sonderbare Atmosphäre seiner Gesellschaft, machten ihm nichts mehr aus. Für einen kurzen Moment vergaß er den Grund seiner langen Reise, er wäre hiergeblieben, an der Theke, bei dem alten Mann und seiner Tochter. Als der erste Gast in den Laden eintrat, wusste er, dass seine Zeit gekommen war. Er nickte, schaute zu den beiden, lachte über sich selbst und stand auf. Er war nun bereit für den letzten Abschnitt seiner Reise. Er öffnete die Tür, ein kräftiger Windstoß drückte die Tür auf, die er mit seiner ganzen Kraft festhalten musste. Er ging auf die Straße und schloss die Tür. Vom Wind aufgewirbeltes Laub wehte ihm ins Gesicht. Er knöpfte seinen Mantel bis zum Hals zu, schob seine Hände in die Taschen und machte sich in einer leicht gebückten Haltung zum Auto auf. Die Straße war nicht beleuchtet, nur diffuses Mondlicht half ihm, den Weg durch die Gassen zu finden. Sein Herz begann zu pochen, der Magen zog sich zusammen. Ihm wurde schlecht. Er blieb stehen, stütze sich mit der rechten Hand an einer Hauswand ab und übergab sich. Das Erbrochene blockierte die Atemwege, sodass er krampfhaft nach Luft schnappte. Tränen liefen über seine Wangen, fielen zum Boden und vermischten sich mit dem Erbrochenen. In der Ferne hörte er plötzlich lautes Gelächter. Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und zwang sich aufrecht zu stehen. Auf der anderen Straßenseite konnte er fünf Männer erkennen, die alle eine Flasche in der Hand hielten, sich gegenseitig schupsten und mit wilder Gestik aufeinander einredeten. Während er die Szenerie wachsam beobachtete, beruhigte sich sein Körper. Er atmete die kühle Abendluft in seine Lungen und schnaufte sie mit einer erlösenden Entspannung aus seiner Nase. Plötzlich bemerkten die angetrunkenen Männer seine Anwesenheit und verstummten. Zwei der Männer flüsterten leise und deuteten auf ihn. Er ließ sich nichts anmerken, stand kerzengerade an der Hauswand und starrte sie an. Nur einer der Männer hielt seinem Blick stand, während die anderen auf ihre Flaschen starrten und einen kräftigen Hieb davon nahmen. Als sie in der Dunkelheit verschwanden und selbst ihr wieder aufflackerndes Gelächter langsam im aufziehenden Sturm verstummte, löste sich seine kerzengerade Haltung, sodass seine Hand sich wieder an der Hauswand abstützte. Er vermisste das Gelächter. Sein Blick richtete sich auf und erfasste die Kirche, die vom Mondlicht angestrahlt noch düsterer aussah, als an dem Tag seiner Anreise. Der einzige Unterschied lag darin, dass sie nicht mehr herunter gekommen aussah, viel mehr eine unscheinbare Schönheit ausstrahlte, die ihn anzog. Zum Turm aufschauend, wirkte das Gebäude imposant und einschüchternd. Er begriff es nicht, am Tag zuvor machte sie noch einen so jämmerlichen Eindruck auf ihn. Der Wind pfiff mit einem grauenvollen Ton um die Kirchenmauern, er erschrak für einen Augenblick, als er ein lautes Geschrei im Sturm vernahm. Wieder spürte er, wie sein Herz raste und gegen seinen Brustkorb schlug. Jonas kramte in seiner Manteltasche nach dem Flachmann. Er spürte, wie sich eine Kraft in ihm ausbreitete, ballte seine Hände zu Fäusten und ging zum Eingang der Kirche. Es war eine drei Meter hohe und hölzerne Tür mit zwei eisernen, geschwungenen Griffen. Er schloss seine Augen, murmelte ein Gebet und lachte. »Du bist ein Idiot«, dachte er sich, drückte die kalten Griffe der Holztür nach unten und öffnete sie. Der Wind schleuderte die Tür mit einem kräftigen Stoß auf, sodass er hastig zur Seite springen musste, um nicht von der Tür erfasst zu werden. Ein lautes und undefinierbares Jaulen erfasste seine Ohren, dass er nicht einordnen und nichts mit den bekannten Geräuschen aus stürmischen Nächten vergleichen konnte. Sein Körper verkrampfte, während seine Augen hastig versuchten, in der Dunkelheit eine Antwort zu finden. Es bildeten sich schemenhafte Muster, die sich scheinbar tanzend hin und her bewegten. Er stand weiterhin starr vor dem Eingang, während es begann zu regnen. Nur kleine Tropfen, die auf sein Gesicht einprasselten, doch durch den heftigen Sturm zu unzähligen kleinen Nadelstichen wurden. Sein Körper löste sich aus der Starre, er richtete seinen Blick nach oben und sah, wie sich die Regentropfen über ihn zu einer weißen Wand auftürmten. Es erinnerte ihn an eine stürmische See, deren Gischt unaufhörlich auf ihn niederging. Er schaute ein letztes Mal zurück, zur Straße, an der Agnes in einem kleinen Laden gerade die Getränke an die Tische brachte, ein letzter Blick, ohne die Hoffnung zu haben, jemals wieder ihr Gesicht sehen zu dürfen. Er biss seine Zähne zusammen, atmete die nasse und kühle Luft in seine Lungen, schloss für einen Moment die Augen und ging festen Schrittes in die Dunkelheit. Er stand eine Weile in der Mitte des Gebäudes, seine Augen hatten sich noch nicht an die Finsternis gewöhnt. Das Mondlicht schien durch zahlreiche Fenster, sodass der Raum teilweise in einem kühlen Blau erleuchtet wurde. Es war nicht viel Licht, doch konnte er erkennen, dass die Bänke im Raum heraus geräumt wurden, Staub und Spinnenweben hatten sich ausgebreitet. Vorsichtig ging er zum Altar. Seine nasse Kleidung tropfte. Sein Körper zitterte. Er starrte auf das große, hölzerne Kreuz an der Wand, an der Jesus mit schmerzerfülltem Blick hang. Alles, was er in diesem Moment spüren konnte, war unfassbar großes Mitleid, jedoch nicht für den Gekreuzigten. Tränen liefen ihn über seine Wangen und tropften mit dem Wasser seiner Kleidung auf den steinernen Boden. Ein lauter Knall, der durch das Gebäude schallte und sich durch die Reflexionen an den Wänden verstärkte, ließ ihn zusammenzucken. Hastig drehte er sich um und sah, dass der Eingang verschlossen war. Der Regen wurde stärker, sodass der ganze Raum durch ein lautes Rauschen eingehüllt wurde. Er griff in seine Manteltasche und umklammerte den Flachmann. Er schaute wieder zum Kreuz und sah, dass sich im Mondlicht ein Schatten bildete. Ein lauter Schrei entfesselte sich aus seinem Inneren, er drehte sich um und schaute zum Ursprung des Schattens. Seine Augen waren weit aufgerissen, er rang nach Luft, taumelte zurück und fiel auf den Boden. Er ließ seinen Blick nicht ab, während sein Körper wieder erstarrte. Sein Herz raste und pochte so stark gegen den Brustkorb, dass er dachte, es würde auch diese letzte Grenze durchbrechen. Er verlor das Gefühl in seinen Fingern, die langsam taub wurden und sich anschließend schmerzhaft verkrümmten. Der Schatten bewegte sich aus der Dunkelheit auf ihn zu. Nun stand der Schatten direkt im Mondlicht, sodass er das Geschöpf in seiner ganzen Grausamkeit erkennen konnte. Es war eine grauenvolle Kreatur, die mit bloßen Worten kaum zu beschreiben war. Eine hyänenartige Gestalt, mit schuppiger Haut, die mit gekrümmten Oberkörper vor ihm stand. Unnatürlich schwarze Augen, die rabenhaft nach innen gerichtet waren, fokussierten den Liegenden. Er wusste, dass diese Kreatur – einen Menschen erkannte er nicht – Elias sein musste. Sie entsprang einem Ort, der so düster und alt sein musste, dass selbst die Vorstellung an ihre Grenzen stoßen würde. Zäher Schleim tropfte aus den Mundwinkeln, während bei jedem Atemzug ein dichter Nebel entwich. Er versuchte, nach hinten zu kriechen, doch der Altar verhinderte seinen Fluchtversuch. Zitternd auf dem Boden liegend, erblickte er den leidenden Jesus am Kreuz, der von der Offenbarung sprach, von den Engeln, die in den letzten Stunden der Menschheit in die Posaunen bliesen und das Ende verkündeten. Das Geheul des Sturmes wurde immer unerträglicher, und ein Gefühl, dass sich in jedem Augenblick die Tore der Hölle öffnen und ihn verschlingen würden, machte sich in ihm breit. Die Kreatur schaute in seine Augen, ging mit kräftigen Schritten auf ihn zu, beugte sich zu ihm herunter, sodass er den Atem spüren und riechen konnte. Die Gerüche von Verwesung und verfaulten Eiern lösten einen Würgereiz aus. Er schloss die Augen und hielt seine Arme schützend vor den Kopf. Der zähe Schleim tropfte auf seine Kleidung. Sein Körper krümmte sich vor Schmerz. Er verlor das Bewusstsein.

Die ersten Sonnenstrahlen glitten sanft über das kleine Dorf und vertrieben den grauen Schleier der letzten Tage. Vor der Kirche hatten sich ein Dutzend Männer versammelt, und so wie es sich für Dorfbewohner gehört, ausgerüstet mit Mistgabeln und Gewehren, bereit für ein letztes Gefecht. Die Männer starrten mit entschlossen wirkenden Augen zum Eingang. »Es ist Zeit«, rief der Gastwirt, fest in seinen Händen eine Flinte. Die anderen Männer schauten ihn an und nickten zustimmend. Der Gastwirt näherte sich als Erstes der verschlossenen Tür, während die anderen hinter ihm stehen blieben und ihn beobachteten. Er löste eine Hand von der Flinte, griff vorsichtig den metallischen Griff und drückte ihn herunter. Die Tür öffnete sich. Er machte einen Schritt zurück, umklammerte wieder mit beiden Händen die Flinte und richtete sie nach vorne. Ein kühler Windzug strömte ihm entgegen. Er ging langsam zur Tür und schaute in den Raum. Stille. »Es scheint ruhig zu sein«, rief er und signalisierte mit einer kurzen Bewegung der Flinte, das Nachrücken seiner Gefährten. Die anderen folgten ihm entschlossen in die Kirche. Da standen sie nun, in einem Raum, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Nur vage Erinnerungen an gute alte Zeiten, die schon lange vorbei waren. »Schaut! Dort hinten am Altar liegt er!«, schrie einer der Männer. Alle anderen richteten sofort ihren Blick zum Altar, um kurz darauf erwartungsvoll zum Gastwirt zu schauen. »Bleibt hier! Ich schaue mir das genauer an«, sagte er, während er bedächtig zum Altar schritt und regelmäßig seine Umgebung prüfte. Da lag er. Der Mann, dem er eine Unterkunft gegeben hatte. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Hände auf der Brust liegend, verbargen fest verschlossen ein Stück Papier. Der Gastwirt legte seine Flinte auf den Boden, beugte sich zu ihm herunter und verschloss mit seinen Fingern die Augen des toten Mannes. Auch der Gastwirt schloss seine Augen und murmelte ein Gebet. Er öffnete die Hände des Verstorbenen und entfaltete den Zettel. »Was hast du gefunden?«, fragte einer der Männer. »Eine seiner Geschichten, so wie es aussieht …«, erwiderte er. »… die letzte Geschichte.«