Nino D. – Terry Hubers Ohr

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Nino D. – Terry Hubers Ohr

1.

Er lag in seinem Bett, machte es sich gemütlich, und fing an zu lesen. Das machte er schon immer so, vor dem Schlafengehen Comics lesen. Am liebsten mochte er Gespenster Geschichten. Die Hefte mit den meist vier bis fünf Geschichten pro Ausgabe, hatten es ihm angetan. Wenn Werwölfe, Zombies und Geister in den verschiedensten Epochen ihr Unwesen trieben, hatte er jedes Mal einen wahnsinnigen Spaß. Der Junge liebte es, wenn es ihn ein bisschen gruselte. Die Nachttischlampe warf ihr warmes Licht und der Junge war zufrieden. Eigentlich soll er längst schlafen, aber meist war er so in seine Heftchen vertieft, dass er erst das Licht ausschaltete, wenn seine Mutter ihn dazu aufforderte oder das Heftchen zu Ende gelesen war. Auch heute bestand es durchgehend aus spannenden Geschichten und er würde das Heft definitiv erst weglegen, wenn es zu Ende ist; oder seine Mutter ihn wieder daran erinnert schlafen zu gehen.

Während der zweiten Geschichte hörte er, dass sein Vater nach Hause kam. Der Junge wohnte mit seinen Eltern in einer hellhörigen kleinen Drei-Zimmer Wohnung im zweiten Stock eines Mietshauses aus den 70’ern mitten in der großen Stadt. Während sich seine Mutter um den Haushalt kümmerte, arbeitet sein Vater im Krankenhaus als Empfangsdame, wie der Vater es immer nannte. Nicht gerade sein Traumjob, aber was Besseres hatte er nicht gefunden, damals, als sie hierher gezogen sind. Das ist jetzt sieben Jahre her. Die Spät- und Wochenend-Dienste nerven ihn ein wenig, weil er die Hälfte des Heranwachsens seines Sohnes nicht miterlebt. Er war ein strenger aber gerechter Vater, der es am meisten hasste, wenn sein Junge nicht das machte was man von einem 10-Jährigen erwarten konnte.

Der Junge hörte wie der Vater die Mutter begrüßte, liebevoll wie immer, und wie sie in die Küche gingen, die direkt gegenüber seines Schlafzimmers lag. Jetzt wird Vater essen und von der Arbeit erzählen; und dann dauert es nicht mehr lang, bis sie nach ihm schauen würden, dachte der Junge und las weiter. Als er die letzte Geschichte gelesen hatte, wunderte er sich wieso seine Eltern ihn noch nicht ans Schlafengehen erinnert hatten. Er stand auf und presste sein Ohr an die Tür. Der Junge hielt einen Augenblick die Luft an und lauschte den Stimmen seiner Eltern, die durch die Tür gedämpft klangen. Was er hörte war meist die Stimme seines Vaters, die ihn ansonsten immer beruhigten, aber heute in Entsetzten versetzten. Er konnte nicht glauben was er gerade mitbekommen hat. Einige der Worte kannte er, andere wiederum nicht. Er verspürte den Drang in die Küche zu rennen und zu fragen, ob das wirklich gerade ihr Ernst war. Angst, die Wahrheit zu erfahren und vor allem aber aus Angst sein Vater würde ihn ohne anzuhören ins Bett schicken, lähmte seinen kleinen Körper. Er suchte in seinem Bett nach Terry Huber, ein Stofftier-Hund den er schon seit seiner Geburt hatte. Terry Huber war sein Beschützer. Im fehlte zwar ein Auge und sein linkes Ohr war ganz verfilzt fast schon speckig, weil er es immer zur Beruhigung zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her rieb, aber er liebte ihn. Ohne ihn konnte der Junge nicht einschlafen. Als er Terry Huber endlich gefunden hatte vergrub er sich in seine Decke, und drückte seinen Plüschfreund ganz dicht an sich. „Werde ich wirklich sterben müssen“ fragte sich der Junge selbst. Gibt es, wie Vater sagt, keine Heilung? Immer wieder kreiste dieser Gedanke wie ein Orkan durch seinen Kopf. Morgen frage ich Vater. Jetzt nicht dachte er. Wenn ich sie jetzt störe, schimpft Mutter bestimmt, weil ich immer noch nicht schlafe und Vater sagt, dass das bestimmt noch Zeit bis morgen hätte. Also schaltete der Junge sein Licht aus und probierte einzuschlafen. Aber die Angst und die Unsicherheit hielten ihn von seinem Vorhaben ab. Also probierter er an etwas Schönes zu denken, etwas das diese unheimlichen Gedanken und Gefühle verdrängen konnte.

Da fiel ihm ein, wie sehr er die Angelausflüge mit seinem Vater genießt. „ Hast du Lust morgen zu Fischen, Junior?“ fragte ihn dann samstags sein Vater immer. Natürlich wurde diese Frage nie mit einem Nein beantwortet. Es machte dem Jungen auch nichts aus früh morgens aufzustehen. Sein Vater war immer etwas eher auf den Beinen, machte Butterbrote und kochte Kaffee und Kakao. Wenn er dann seinen Jungen weckte, war das Auto bereits beladen und abfahrbereit. Der kleine Weiher nicht weit entfernt von der Stadt war ihr Ziel. Er liebte den morgendlichen Duft des Waldes durch den sie ein kleines Stück laufen mussten. Er mochte den zarten Hauch des Taus auf den Wiesen, die den Weiher umschlossen. Die ganze Fahrt dorthin freute er sich darauf, und auf das Zwitschern der Vögel, wenn sie ihren allmorgendlichen Sangeswettstreit abhielten. Sie saßen immer am gleichen Platz, direkt neben einer alten Eiche, die um die Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht, genügend Schatten spendete. Jeden Abend vor dem Ausflug wurde von seinem Vater das Angelzeug gerichtet, sodass sie sofort losfischen konnten wenn sie mit ihren Handkarren ankamen. Dann falteten sie ihre Stühle auf und das Fischen begann. Er liebte es seinen Vater für sich allein zu haben. Wenn er dann die Thermoskannen aufdrehte und der Geruch von Kakao und Kaffee in der Luft lag, erzählte er ihm meist Geschichten von seiner eigenen Kindheit oder selbst erfundene Geschichten, die schon sein Großvater ihm erzählt hatte. Die waren besser und spannender als all das was in seinen Comics passierte. Er stieß einen leichten Seufzer aus und wollte gerade wieder in Gedanken versinken, da hörte er seine Eltern vor seiner Tür sprechen. „ Das Licht ist aus Schatz, meinst du er schläft schon?“ sagte die Mutter. „Es ist fast 11 Uhr, er muss morgen in die Schule. Ich denk schon dass er schläft. Wenn du sicher sein willst, schau halt nach“ sagte der Vater. „ Nein, Schatz, wir müssen auch ins Bett. Morgen wird ein anstrengender Tag für uns.“ „ Du hast recht. Aber ich will ihn noch einmal nach ihm sehen.“ Als der Vater die Zimmertür des Jungen öffnete, tat dieser so als würde er schlafen. Der Vater schaute im Lichtkegel des Flurlichts auf das Bett seines Sohnes. Danach schloss er die Tür, und der Junge konnte am Knarzen des Bodens hören, das seine Eltern Richtung Schlafzimmer gingen. Die Gedanken die der Junge erfolgreich verdrängt hat kamen nun geballt zurück. In seinem Inneren hörte er die Stimme seines Vaters. Zum ersten Mal hatte er Angst vor ihm. Aber nicht vor ihm selbst, sondern vor seinen Worten hatte er Angst. Was ist eine Inspubaionszeit, fragte er sich andauernd. Und was bedeutet es, wenn sie gering ist, wie Vater sagte. Es gibt keine Heilung und der Ursprung ist unbekannt. Das war ein Satz den er ganz deutlich verstand. Was ist eine Editdemie, fragte er sich. Der Junge wurde immer unruhiger. Sein Daumen und sein Zeigefinger taten ihm schon weh, und bald müsste er mal Terry Hubers anderes Ohr durchkneten. Er fing an zu schwitzen. Sein Mund wurde trocken und klebrig, aber er traute sich nicht aufzustehen um etwas zu trinken. Wenn Vater doch noch in der Küche sitzt, muss ich ihn ansprechen was hier vor sich geht ist, dachte er, und das traute er sich noch nicht. Und dann kroch in sein noch junges Bewusstsein ein Satz, der ihn erschaudern lies. Kinder erwischt es als erstes. Natürlich wusste der Junge das er nicht unsterblich ist. Spätestens seit dem Tod seines Großvaters wusste er um seine eigene Sterblichkeit. Seine Eltern hatten versucht, so gut es geht, ihm den Kreislauf des Lebens zu erklären, was noch längere Diskussionsrunden nach sich zog. Letztendlich verstand er, als seine Mutter ihm sagte, dass wir uns alle im Himmel wieder sehen, und dass Opa und alle die wir lieben und bereits tot sind, auf uns warten. In Wirklichkeit hatte er gar nichts verstanden. Außer die Sache mit dem Himmel. Und das beruhigte ihn. Es beruhigte ihn so sehr, dass er endlich einschlief. Einschlief mit dem Gedanken ans Sterben und den Himmel, die beide bereits auf ihn warteten.

2.

Die Villa, in der sich der große Sitzungssaal befand, lag weit außerhalb der müden Stadt. Er war prunkvoll ausgestattet mit allerlei weißem Marmor und grau gechecktem Granit. Er erinnerte an eine Kirche denn es führte ein langer Gang direkt auf einen großen Tisch zu, der auf einer Art Bühne stand. Links und rechts des Ganges waren Sitzreihen mit Blick zum Tisch. Jeder der tausend Sitze war besetzt und als die Vier auf die Bühne traten sprangen alle auf um ihren Respekt zu Zollen. Die Vier waren Richter und Henker zugleich. Jeder der sich etwas zu Schulden kommen ließ wurde öffentlich vorgeführt und eventuell wurde das Urteil auch gleich vollstreckt.

Gegen Abend kam er an und wurde sogleich in Ketten gelegt und in ein Zimmer gesteckt. Es roch nicht gerade angenehm, irgendwie nach alter Katzenpisse und die einzige Sitzmöglichkeit war ein Bett, das in der Ecke stand. Den Flecken auf dem Laken zufolge wurde dieses Bett auch nicht oft bezogen, falls es überhaupt einmal frisch aufzogen wurde. Er wusste nicht wieso er hier war. Nur das sie ihn abgeholt hatten mit der Aussage, er soll vor den Vier sprechen. Und jetzt sitzt er hier in der Villa weit außerhalb, im schäbigsten Zimmer, und soll warten. Ich habe nichts verbrochen, dachte er während er auf seinen Fingernägeln kaute. Was will der hohe Rat von mir? Bin ich Angeklagter oder Zeuge? Die Tür ging auf und eine Wache führte ihn aus seiner Zelle.
Es schien als würden sie schon Stunden Richtung Sitzungssaal gehen, als er den Wachmann fragte: „ Was habe ich getan, dass ich vor die Vier treten muss um Rede und Antwort zu stehen? Sag, Wachmann! Was wirft man mir vor?“ „ Nichts“ antwortete der Wachmann, „ man wirft dir nichts vor und nun sei still, wir sind gleich da.“ Der Delinquent blieb stehen und unweigerlich musste der Wachmann auch stoppen. „ Sag mir was es ist! Bitte! “ flehte er den Wachmann an. Und der kam ganz dicht zu ihm ran, sodass man seinen fauligen Atem riechen konnte. Er grinste und sagte: „ Es ist das, was du in dir trägst. Das wollen sie.“ Und als er das letzte Wort gesprochen hatte, zog er an der Kette und brachte ihn so wieder in Bewegung. Erst jetzt merkte er, dass er nur in Lumpen gehüllt war. All seine Kleider bestanden aus zusammen genähten Fetzen unterschiedlichster Herkunft und Farbe. Er glaubte auch Putzlappen unter den Fetzten zu erkennen. Er schaute an sich runter. „ Ich habe ja noch nicht mal Schuhe an“, dachte er, „ aber wir gehen ja auf rotem Samt, also braucht man auch keine“. Sein Blick ging rüber zu dem Wachmann, der in feinste Seide gekleidet war. Und als er gerade wieder etwas sagen wollte standen sie schon vor der Tür zum Sitzungssaal. Eine große Tür aus dem massivsten Holz, dass er je zu Gesicht bekam. „ Ab hier gehst du allein, ich öffne die Tür und du gehst rein. Blick nicht nach rechts blick nie nach links sondern geh direkt zu den Vier, verstanden?“ sagte der Wachmann. „ Ja“ antwortete er. Und als die Tür geöffnet wurde, ging er ohne zu zögern hinein.

Es war totenstill. Er hörte jeden Zuschauer der anwesend war atmen. Und als er schon fast an der letzten Reihe Menschen vorbeikam , schaute er sich doch einmal um und musste mit Entsetzten feststellen, dass seine Eltern auch unter den Zuschauern waren. Sie trugen glanzvolle Gewänder aus edelstem Stoff sowie auch der Rest der Leute. Seine Eltern glotzten ihn an. Er wusste nicht ob er sich nun freuen oder ob er Angst haben soll. Seine Eltern hatten tote Augen. Und die Tatsache, dass keine Gefühlsregung ihrerseits zu ihm rüberkam, verstärkte das ungute Gefühl.
Endlich stand er vor den Vier. Und als er sich das Szenario nochmal verinnerlichte kam er sich wie Jesus vor, der gerade zu Pontius Pilatus geführt wurde. Den Pöbel im Nacken und seine Richter vor sich.

Sie trugen alle die gleiche Robe mit Kapuze, die sie in ihre Gesichter gezogen hatten. Der in der Mitte stand auf und fing an zu sprechen

„Bist du Patient 21.07?“ fragte der Mann in Robe.

„Ich verstehe nicht ganz“ antwortete er.

„Sind das dahinten deine Eltern?“ sagte der Mann in der Robe, zog sich die Kapuze aus dem Gesicht und zeigte in die Richtung seiner Eltern. Er nickte.

„Also wenn 23.10 und 28.05 deine Erzeuger sind, dann bist du 21.07. So steht es in meinen Akten. Also bist du 21.07? “

Er konnte sich nicht an seinen Namen erinnern .So sehr er sich anstrengte, er wollte ihm nicht einfallen. Kein Name fiel ihm mehr ein. Nicht der seiner Eltern, Großeltern, Cousins, kein einziger.

„Dann muss es wohl so sein“ sagte er und schaute dem Mann in Robe ins Gesicht. Aber irgendwie war es kein Gesicht; sondern ein sich ständig wechselndes Gesicht, ein Wechselgesicht. Er erschrak und währenddessen setzte sich der Mann in Robe, und der zweite erhob sich und sprach: „ Stimmt es, dass du, wie deine Eltern berichten, noch nie krank gewesen bist?“. Er wollte nicht mit ihnen reden. Aber sein Mund fing ohne seine Willen an zu reden:

„Ja, das stimmt.“ Erschrocken blickte er hin und her und konnte nicht glauben, obwohl er sich so angestrengt nichts zu sagen, geantwortet zu haben.
„Du weißt, dass die Unseren von einer tödlichen Krankheit befallen sind und dass immer mehr sterben weil kein Heilmittel gefunden wird? Aber unsere schlausten Köpfe haben einen Weg gefunden. Wir mussten nur denjenigen finden, der das reinste Blut in sich fließen hat. Ein Blut so stark und resistent, dass kein Mikroorganismus je eine Chance hat eine Krankheit auszulösen.“

„Was soll das heißen?“ fragte er und als er das sagte war sein Mund so trocken, dass das Schlucken wehtat.

„Du bist das Heilmittel. Dein Blut ist es. Wir haben dich lange gesucht.“ sagte der Zweite und setzte sich wieder hin. Der Dritte erhob sich. Er versuchte zu fliehen, aber hinter ihm hatten sich schon vier Wachen positioniert.

„Bist du bereit für die Unseren ein Opfer zu bringen?“ sagte der dritte

„Was für ein Opfer?“

„Ein Opfer rettet alle anderen!“

„Was für ein Opfer?!“ seine Stimme klang jetzt wütend, und die Wachen gingen einen Schritt näher auf ihn zu.

„Du sollst dein Leben geben um uns alle anderen zu retten. Dein Name wird bis in alle Ewigkeit in Ehren gehalten werden. Wir würden einen Feiertag dir zu Ehren einführen. Das heißt: Du würdest unsterblich werden.“ Dann setzte sich der Dritte.

Während er von den Männern befragt wurde, blickte er auf seine blanken Füße. Er schaute weder rechts noch links, denn er hatte zu große Angst wieder in ein so abscheuliches Gesicht zu blicken wie es das Wechselgesicht war. So bemerkte er auch nicht, dass es unterschiedliche Männer waren die zu ihm sprachen. Erst bei dem Vierten, der jetzt aufstand und zu sprechen begann, merkte er einen Unterschied. Waren die anderen Stimmen in derselben Klangfarbe, hörte sich diese furchtbar gellend und bronzen an. Deswegen schaute er direkt auf, als der Vierte ihn ansprach. Nun sah er, das sich der Vierte langsam auf ihn zu bewegte während er anfing zu sprechen.
„Keine Angst Patient 21.07. Es tut gar nicht weh“ sagte er und zog sich dabei die Kapuze aus dem Gesicht, das eine grässlich grinsende Fratze zeigte. Das Grinsen schien eingefroren als der Vierte immer schneller auf ihn zukam. Und als er nur einen Meter vor ihm zum Stehen kam erschrak 21.07; denn das Gesicht des Vierten war schlimmer als das des ersten Mannes in Robe. Er sah sein eigenes Gesicht, das mit jeder fortschreitenden Sekunde alterte bis es zerfiel. In diesem Augenblick der Erkenntnis holt der Vierte mit seiner Hand weit aus und schlug ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Sein Kopf schlug auf den weißen Marmorboden auf und er verlor sein Bewusstsein.

Seine Fesseln und vor allem sein Kopf schmerzten als er wieder zu sich kam. Man hatte ihn Kopf über in mitten des großen Sitzungsaals an den Füßen aufgehängt. Er konnte kaum atmen. Seine Arme waren auf dem Rücken verschnürt und in seinem Gehirn war nur noch Hilflosigkeit, die ihn heulen ließ. All seine Wut Angst und Ahnungslosigkeit entlud sich in elendes Schreien. Und als er die ersten Stimmen auf ihn zukommen hörte, wusste er dass er immer noch umgeben war vom Mob der seinen Tod wollte. Nun traten auch die Männer in Robe an ihn heran um ihn ein letztes Mal zu Begutachten und um ihm die positive Seite seines Ablebens aufzuzeigen. Das alles war ihm egal. Er schaute sich noch einmal um. Er sah seine Freunde. Alle die er je geliebt hat. Und alle wollen leben. „ Einer für Alle!“ fing einer der Ihren an zu plärren und der ganze Pöbel stieg mit ein, bis der Vierte sie ermahnte still zu sein.

„Bist du bereit auf ewig in die Annalen unserer Geschichte einzutreten?“ fragte ihn der Vierte mit einer noch verzerrteren Stimme.

„Gibt es denn keinen anderen Weg? Bitte! Es muss doch einen geben!“ flehte er.

„Nein!“ und als der Vierte das sagte zogen alle Männer in Robe gleichzeitig eine rund sechzig Zentimeter lange Nadel, dicker als ein kleiner Finger, hervor deren Spitzen funkelten und blitzten. So standen die vier Männer in Robe um ihn herum. Und aus allen Himmelsrichtungen kamen ihre Schergen. Jeder der Vier Vollstrecker hatte zwei, die jeweils einen Servierwagen vor sich herschoben, der mit Phiolen und Pipetten bestückt war. Was sie damit Vorhaben fragte er, und bekam keine Antwort. Einer der Vier packte ihn am Schopf und zog ihn so weit nach hinten, dass seine Halsschlagader gut zu sehen waren.

„Sagt mir doch bitte“, ächzte er „was ihr mit mir vorhabt?“

Und einer der Männer kniete sich neben ihn, grinste und sprach: „ Nun gut: Weil du es genau wissen willst. Die Wirkung deines Blutes hält nur kurze Zeit. Danach ist es unbrauchbar. Wir brauchen es flüssig und warm. Das heißt wir haben höchstens eine halbe Stunde. Es ist dann genauso wertlos wie jedes andere auch. Außerdem dürfen wir nichts zusetzen, dass dazu beiträgt die Gerinnung zu verlangsamen. Es muss rein bleiben. Also füllen wir alles ab, und jeder der hier Anwesenden bekommt fünf Tropfen aus einer Pipette in den Mund geträufelt. Das sollte genügen um Schlimmeres zu verhindern und um die Letzten unserer Art zu retten.“ Dann erhob er sich und ging zurück zu den Anderen.

Die Vier kannten sich mit der menschlichen Anatomie nur zu gut aus, waren sie doch allesamt mit Leonardo Da Vincis Werken vertraut. Und so wussten sie genau welche Adern angestochen werden mussten, um die Phiolen schnell bis zum Rand zu füllen.

Alle, die Letzten ihrer Art und die Vier Männer, sahen ihn an und der erste der Männer in Robe ging auf ihn zu und riss ihm die Lumpen vom Leib. Die anderen drei kamen nun auch zu dem nun nackten Körper und alle Vier verrichteten ihr Werk. Was er dann spürte war ein Rucken und ein gewisser Druck so als würde man mit dem Finger langsam eine Kaugummiblase zum Platzen bringen. Plop, Plop, Plop. Ein paarmal hintereinander. Dann wieder ein Rucken . Sie drangen mit ihren Nadeln tief in seine Leiste, unter seine Arme. In den Hals auf beide Seiten bohrten sie die Nadeln um sie dann mit einer schnellen Bewegung wieder heraus herauszuziehen. Nun durchtrennten sie ihm die Achillesverse. Beidseitig. Von all dem spürte er nichts, wie sie Versprochen hatten. Der rote Lebenssaft schoss aus den Öffnungen und die Handlanger der Vier hatten keine Mühe die Gefäße zu befüllen. Sie verteilten mit den Pipetten die ersten Tropfen an das kranke Volk. Er sah seinen Vater gierig die Tropfen nehmen und seine Mutter hatte diesen einen Blick aufgesetzt, den sie immer hatte, wenn sie auf etwas wartete. Und das war das Letzte was er sah bevor sie ihm mit einem Skalpell die Kehle durschnitten und anfingen aus Gier auf Heilung sein Fleisch zu essen. Sein Name und sein Opfer sollen hingegen unsterblich sein. Und sie feierten ihm zu Ehren ein Fest, dass jährlich wiederholt werden wird. So hatten sie es ihm versprochen.

3.

Der Drang die Blase entleeren zu müssen ließ ihn aufwachen. Von Schlaf und Traum noch unfähig klare Gedanken zu fassen, schlüpfte er in seine Hausschuhe. Im Mondschein, der durch das Schlafzimmerfenster schien, betrachtete er beim Herausgehen seine Frau. Er fand sie immer noch genau so schön wie vor zwölf Jahren, als er sie das erste Mal sah. Obwohl, das erste was er von ihr wahrnahm ihr Lachen war. Es war das schönste und sinnlichste Lachen, das er je gehört hatte und jemals hören wird. Und als er sie dann zu Gesicht bekam wusste er in seinem tiefsten Innern dass sie die Frau ist die er einmal heiraten wird und mit der er einmal Kinder haben wollte. Trotz der Müdigkeit war er zufrieden und setzte seinen Gang Richtung Toilette fort. Er tappte im Dunkeln durch den Flur am Kinderzimmer vorbei, wobei er immer aufpassen musste sich nicht den Zeh an der Kommode zu stoßen, die in den schmalen Flur ragte. Im Bad selbst schaltete er das Licht an und öffnete die Toilette und setzte sich. Nachts war es angenehmer im Sitzen zu Pinkeln, da man im Halbschlaf womöglich daneben schiffen würde und das gäbe einen Riesenstreit mit seiner Frau. Er spülte ab und wusch sich die Hände. Beim Verlassen des Bades hörte er es zum ersten Mal. Ein klägliches Wimmern trat an sein Ohr, und er überlegte ob er es eben, als er den Flur entlang ging, schon einmal hörte. Das Klagen verwandelte sich in bitterliches Weinen, das aus dem Zimmer des Jungen zu kommen schien. Er hörte genau hin, lauschte in die Stille der Nacht und tatsächlich, sein Sohn weinte. Er machte das Licht im Flur an und öffnete langsam die Tür zum Kinderzimmer. Im schwachen Licht das der Flur hinein warf sah er seinen Sohn.

Der Junge saß mit angewinkelten Beinen im Bett, hatte die Decke bis zum Gesicht gezogen und zitterte am ganzen Körper. Der Vater setzt sich zu ihm aufs Bett und fuhr ihm durch sein Haar.
„He, was ist los? Schlecht geträumt?“ fragte ihn der Vater. „ Seit wann wisst ihr, dass ich so krank bin, dass ich sterben muss?“. Ihm fehlten die Worte. Er hatte alles erwartet nur nicht so etwas. Wieder bei klarem Verstand strich er sich durchs Gesicht und sagte: „ Toni, wie kommst du auf die Idee, dass du sterben wirst, beziehungsweise dass du todsterbenskrank bist?“

Der Junge atmete tief durch. Er lag schon lange wach und weinte, aber ihm fehlte der Mut zu seinen Eltern zu gehen und ihnen von seinen Ängsten zu erzählen. Sie würden ihn eh zurück ins Bett schicken und ihn mit einem „Wir reden morgen darüber“ abfertigen. Er schaute seinen Vater mit rot geränderten Augen an, sammelte all seinen Mut und fing an zu erzählen:

„Als ich mit meinem Comic fertig war, dachte ich, wieso kommt ihr nicht? Da habe ich gelauscht und unheimliche Dinge gehört wie zum Beispiel: Das es die Kinder zuerst erwischt. Dass es eine Ededemie geben wird oder wie das auch heißt. Dass es einen Virus gibt, von dem keiner weiß woher er kommt. Vielleicht aus dem All oder so, aber das Schlimmste war, dass es keine Heilungschancen gibt. Keinen Impfstoff der den Virus aufhält. Ich bin dann wohl irgendwie eingeschlafen und vor ungefähr einer Stunde bin ich aufgewacht, weil ich so furchtbar geträumt habe. Der Traum war so schlimm…“ Und Toni fing an zu Weinen.

„Hey, hey ganz ruhig.“ Der Vater nahm seinen Jungen in den Arm und spürte sofort dass sein Geist Angstumschlungen war. „ Der Traum war so schlimm.“ wiederholte der Junge. „Okay, was war denn so schlimm?“ probierte er ihn zu Beruhigen. Es folgte ein tiefes Einatmen des Sohnes und dann sprudelte es aus ihm raus:

„Ich war das Heilmittel und ihr habt mich geopfert. Mein Blut sollte alle heilen. Und dann waren da diese Männer in ihren Kapuzenmänteln und haben mich mit langen fiesen Nadeln so gestochen, dass ganz viel Blut aus meinem Körper gelaufen ist, das sie dann an die Leuten verteilten. Und als mir der eine von ihnen den Hals durchschneiden wollte, bin ich aufgewacht.“

Der Vater bekam am ganzen Körper Gänsehaut, während er seinem Sohn zuhörte. Er wusste dass er der Auslöser für den Traum war und dass er ihm alles erklären musste, sonst wird dieser keine ruhige Nacht mehr haben. Er schaute seinen Sohn an, fuhr ihm abermals durchs Haar und sagte: „ Ich werde dir alles erklären mein Schatz. Was es mit dem Virus auf sich hat, und so. Ich weiß auch, dass du Angst hast. Die hätte ich auch. Aber es ist drei Uhr morgens und…“ „Ich will’s aber jetzt sofort wissen, sonst kann ich gar nicht schlafen!“ unterbrach er seinen Vater und drückte dabei Terry Huber ganz fest an sich. „Nun gut. Ich erzähle es dir.“

4.

Der Vater machte die kleine Nachttischlampe an. Ihr Licht erhellte den Raum, und er glaubte dass sein Sohn sich schon etwas beruhigt hatte .Er nahm Terry Huber und erinnerte sich daran als sein Sohn ihn zu seiner Geburt geschenkt bekam. Auch er spielte automatisch an Terry Hubers verfilztem Ohr. Währenddessen kamen so manche Erinnerungen an die Zeit als er in Tonis Alter war zu ihm zurück. Auch er liebte damals wie heute gute Gruselgeschichten, und er weiß noch genau als er seinen ersten Horrorfilm heimlich mit seinem Onkel schaute. Auch er hatte Alpträume, aber keiner war je so heftig wie der seines Sohnes. Der Vater gruselte sich gerne, damals wie heute. Klar war es heftig; nach Tanz der Teufel in den Keller zu gehen um etwas zu Trinken zu holen. Und auch heute denkt er daran zurück wie es war, als in allen Ecken des Kellers dunkle Schatten lauerten oder irgendwelche Dämonen ohne Vorwarnung aus dem Gemäuer brechen konnten. Allein die Vorstellung reichte immer wieder aus ihm eine wohligen Schauer über seinen Rücken zu zaubern.

„Papa erzählst du mir bitte endlich was mit mir nicht stimmt?“ fragte der Junge.

„Klar doch. `Tschuldigung. Also als Allererstes: Mit dir ist alles in Ordnung. Du hast weder einen Virus oder sonst irgendeinen anderen Erreger oder so. Das Problem liegt eher darin, dass dir deine Phantasie wohl einen üblen Streich gespielt hat. Weißt du? Wenn man von etwas Gesprochenem nur etwa dreiviertel mitbekommt oder glaubt verstanden zu haben, reimt sich das Gehirn den Rest zusammen. Verstehst du?“

„Nein, ich habe genau gehört dass du das mit den Kindern gesagt hast und…“ sagte der Junge und der Vater sah, dass sein Sohn noch immer in seiner Phantasie gefangen war, also unterbrach er ihn und sagte: „ Magst du gute Geschichten Toni?“ „Ja Papa. Und die besten erzählst du mir immer“ antwortete der Junge.

„Welche ist deine Lieblingsgeschichte?“

„Die Reisen des Sockfred Linksfusson“ sagte der Junge, „ Oder die mit Knecht Ruprechts Bruder, der auch mal Nikolaus Helfer war und der daran Schuld ist, dass alle Kinder vor Knecht Ruprecht Angst haben. Das sind meine Liebsten.“

„Eine wirklich gute Wahl. Toni, was mache ich wenn wir zum Beispiel am Wochenende mal nicht zum Fischen gehen oder besser: Was mache ich, wenn ich mir Zeit nur für mich nehme?“
„Du sitzt in der Küche am Laptop und schreibst Kindergeschichten, oder?“

„Stimmt. Weißt du Toni ich schreibe schon immer Geschichten und so, einfach weil ich mir gerne irgendwelche Sachen ausdenke. So wie die Reisen des Sockfred Linksfusson oder Die Augen des Rassguxa. Mama zum Beispiel findet sie so gut, dass sie immer wieder sagt, ich solle etwas davon an irgendeinen Verlag schicken, aber ganz ehrlich : Ich erfinde die
Geschichten lieber für dich und Mami und natürlich für mich als für irgendjemand anderen. Und so hab ich alle Geschichten in meinem Computer und noch keine weggeschickt.“ Er musste innerlich grinsen, denn seine Frau drängt ihn schon länger etwas zu Veröffentlichen.

„Schließlich hat sie es doch geschafft mich davon zu überzeugen bei einem Wettbewerb mitzumachen, den meine Lieblingszeitschrift veranstaltet. Du weißt welche ich meine. Die mit den Gruselfilmen. Die du immer lesen willst, ich dich aber nicht lasse. Egal. Die einzige Vorgabe war das Wort Virus. Mehr nicht. Und hättest du alles gehört was wir heute Abend besprochen haben, hättest du mitbekommen wie ich deiner Mutter einige Überschriften und Ideen vorgelesen habe. Außerirdischer Virus, Kindermordender Virus, Fleischzersetzender Virus. Um nur ein paar Wenige zu nennen. Verstehst du? Es sind nur erfundene Geschichten. Wie die in deinen Comics oder die von Rassguxa. Warum bist du nicht zu uns gekommen, wenn du so Angst hattest?“

„Ich hab mich nicht getraut, ich hab gedacht ihr schickt mich zurück ins Bett“ sagte Toni

„Das glaub ich eher nicht mein Schatz.“ Während der Vater das sagte, drückte er seinen Sohn an sich.

Der Junge sah ihn liebevoll an. Er hatte fast keine Angst mehr, denn er glaubte seinem Vater und verstand die Umarmung. Erleichtert ließ er sich ins Bett sinken und schaute dabei seinen Vater erwartungsvoll an.

„Papa ?“

„Ja?“

„Hast du schon eine Geschichte?“

„Nein, das einzig Gruselige was ich geschrieben habe war Rassguxa. Und es gibt schon zu viele gute Geschichten, in den es um Viren geht. Und es ist schwer etwas Neues zu erzählen. Denn meistens, weißt du, läuft es darauf hinaus, dass die gesamte Menschheit ausgelöscht wird oder es nur wenige Überlebende einer Katastrophe gibt. Auch Mama meinte heute Abend, dass ich es auf jeden Fall anders machen müsste; aber wie ich es anstellen soll, hat sie mir nicht gesagt. So mein großer Monsterkuschler alles wieder okay?“

„ Darf ich zu euch ins Bett?“, fragte ihn sein Sohn mit seinem charmantesten Blick.

„Doch noch `n bisschen Schiss, was? Ab mit dir. Du musst ja gleich schon wieder aufstehen und mach Mama nicht wach. Ich werde ihr morgen früh erklären, warum du zu uns ins Bett gekrochen bist“ antwortete der Vater.

Der Sohn ging Richtung Elternschlafzimmer blieb kurz stehen und sagte zu seinem Vater er solle doch bitte Terry Huber nachher mitbringen. Dann setzte er seinen Weg fort. Er kannte den Weg blind, denn er ist ihn früher öfter gegangen. Die Tür war noch offen. Er ging hinein, tastete sich am Bett entlang und legte sich auf die Seite seines Vaters. „ War der Traum so schlimm, mein Schatz?“, fragte ihn seine Mutter, die eigentlich ihren Mann erwartet hatte.

„Papa erklärt es dir später. Ich bin so müde und will nur noch schlafen“ antwortete er. Seine Mutter strich ihm sanft durchs Gesicht und wünschte ihm bessere Träume. Seine Angst war verschwunden, weil er an seines Vaters beruhigende Worte dachte und er die Hand seiner Mutter spürte. Er kuschelte sich in die Decke und schlief sofort ein. Währenddessen schaute sich der Vater noch einmal im Zimmer des Jungen um. Jetzt bin ich wach und es wird ewig dauern bis ich wieder eingeschlafen bin, dachte er. Er ging in seinen Gedanken noch einmal das Gespräch mit seinem Sohn durch. Dabei nahm er Terry Huber, den besten Freund von Toni, und fing an das verfilzte Ohr wie sein Sohn zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her zu reiben. Terry Hubers linkes Ohr, dachte er und lächelte. Er schaltete das Licht aus und verließ mit Terry Huber im Schlepptau das Zimmer. Als er den Stofftier-Hund zu seinem rechtmäßigen Besitzer gebracht hatte, küsste er seine Frau und sagte ihr, dass er noch in die Küche gehen würde um zu schreiben, denn nun wusste er welche Geschichte er erzählen würde.