Kinos in der Corona-Krise

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Kinos in der Corona-Krise

Wie steht es um die Filmtheater?

Seit Mitte März steht das kulturelle Leben in Deutschland still. Aber auch in nahezu fast allen anderen Ländern der Welt sind Entertainment-Angebote und Spielstätten von den Regierungen stillgelegt. Besonders hart wurde die Kultur- und Eventbranche von der Corona-Pandemie getroffen. Seit Wochen kämpfen Kino-, Club- oder Kleinkunst-Betreiber, die sich nicht unter den Deckmantel der Hochkultur stellen können, ums Überleben, während die Bundesregierung unter Kultur wie in der Regel sonst auch ohnehin eher Künste wie Oper, Theater oder Museen definiert. Nun sind seit Beschluss von Mitte April auch Großveranstaltungen bis Ende August abgesagt. Das betrifft nicht nur Musik- sondern auch die großen europäischen Filmfestivals wie Cannes oder Venedig, die besonders für die Filmindustrie essenziell sind; werden doch gerade dort neue Projekte auf dem Filmmarkt präsentiert, Drehbücher und Filmkonzepte eingekauft, vertrieben und Drehgenehmigungen für weitere (Serien-)Staffeln erteilt.

Nun wo feststeht, dass Kinostarts abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben sind, blicken alle Kinobetreiber und Filmkultur-Manager auf eine ungewisse Zukunft nach dem Shutdown.
VIRUS hat KinobereiberInnen gefragt, wie sie diese akut schwierigen Zeiten stemmen. Auch uns Horror-Fans fehlt der regelmäßige Kinobesuch, denn auch wenn gerade scheinbar die Zeit der Streaming-Dienste schlägt, das kollektive Seherlebnis im Lieblingskino mit Gleichgesinnten kann dies nicht ersetzen. Hinzu kommt das der Mensch an sich ein geselliges Wesen ist und regelmäßiges Ausgehen und das Ausleben von Filmkultur für viele zum essenziellen Bestandteil ihrer privaten kultureller Selbstdefinition ist. Vergessen wir nicht, dass vor allem in ländlichen Regionen oder Kleinstädten das (Programm-)Kino, aber auch das Kiezkino in Großstädten um die Ecke seine Fenster zur Welt öffnet und einen unermesslichen Beitrag zum kulturellen Leben einer Region leistet. Ein Leben ohne Kino wäre definitiv ein Desaster!

Unsere Fragen:
1. Corona hat die gesamte Kultur- & Filmbranche von heute auf morgen zum Stillstand gebracht. Wie gehen Ihre Kinos seit Wochen damit um?
2. Welche akuten Maßnahmen haben Sie zur Rettung des Kinospielbetriebs eingeleitet?
3. Kulturpessimisten behaupten, die Zeit der Kinos sei nun vorbei und verweisen auf die umfangreichen Angebote von Streaming-Anbietern. Wie stehen Sie dazu?
4. Welchen sind Ihrer Meinung nach die Chancen des Kinos der Gegenwart und welche möglichen Veränderungen können nach Corona positiv hervorstechen?

Kinopolis Gruppe

Dr. Gregory Theile, 45, Geschäftsführer & Gesellschafter der Kinopolis-Gruppe. Familienunternehmen, das seit 1905 in mittlerweile vierter Generation Kinos betreibt. Aktuell bespielt die Kinopolis-Gruppe 142 Leinwände in 17 Kinostandorten.

1. „Es ist eine außerordentlich schwierige und herausfordernde Zeit. Wir werden über einen längeren Zeitraum keinerlei Einnahmen haben, während wesentliche Kostenblöcke nach wie vor anfallen. Neben den Gebäudemieten sind es vor allem die Personalkosten, die uns finanziell belasten. Zwar haben wir für die mehr als 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Kinos Kurzarbeit angemeldet, allerdings stocken wir dieses aus eigenen Mitteln deutlich auf, da wir wissen, dass es ansonsten für den Lebensunterhalt kaum reichen kann. Besonders problematisch ist jedoch, dass fast zwei Drittel unserer Belegschaft geringfügig Beschäftigte oder Studierende sind, die vom Kurzarbeitergeld komplett ausgenommen sind, d. h. deren Gehalt zahlen wir zum selben Prozentsatz wie das aufgestockte Kurzarbeitergeld komplett aus eigener Tasche. Für dieses Problem, von dem nicht nur die Kinos, sondern auch viele andere Branchen betroffen sind, benötigen wir dringend eine politische Lösung. Andernfalls droht branchenübergreifend eine Entlassungswelle.“

2. „Wir bleiben mit unseren Gästen über die sozialen Medien in Kontakt und haben – vor allem zu Ostern – unser Gutscheingeschäft in den Mittelpunkt unserer Kommunikation gestellt. Darüber hinaus bereiten wir aktuell verschiedene Marketingaktionen für die Wiedereröffnung vor. Neben den kreativen Ideen jedes einzelnen Kinos, halte ich zudem eine branchenweite Wiedereröffnungskampagne, bei der Verleiher und Kinobetreiber an einem Strang ziehen, für sinnvoll. Dies versuchen wir gerade über die verschiedenen Branchenverbände zu initiieren und zu koordinieren.“

3. „Natürlich hat das Streaming und die Anzahl der Abonnenten in den vergangenen Wochen zugenommen. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass das Kino nichts von seiner Strahlkraft und seiner Faszination eingebüßt hat. Im Gegenteil. Der Wunsch nach geteilten Filmerlebnissen und der Möglichkeit danach über das gemeinsam Gesehene sprechen zu können, wird größer sein als zuvor. Zwar werden sich viele in den ersten Wochen und Monaten nach der Wiedereröffnung noch zurückhaltend verhalten, der Wunsch und die Sehnsucht nach der großen Leinwand und dem wahrhaftigen Kinoerlebnis wird jedoch mindestens so stark sein wie zuvor.“

4. „Kinos sind mehr denn je gefordert ihren Gästen ein Angebot zu präsentieren, dass sie animiert die eigenen vier Wände zu verlassen, um sich einen Film im Kino anzusehen. Wer seinen Gästen aber erstklassige Technik, ein schönes Ambiente und außergewöhnlichen Service anbietet, wird immer sein Publikum finden. Dies ist auch der Grund, warum wir kontinuierlich in neue Soundsysteme wie bspw. Dolby ATMOS, neue Bestuhlung und Serviceangebote investieren. Der Bedarf am gemeinsamen Filmerlebnis wird jedoch nach wie vor vorhanden sein. Eine nachhaltige Veränderung der Kinokultur sehe ich nur dann, wenn es viele Kinos nicht durch die Krise schaffen sollten und geschlossen werden müssten. Um dies zu verhindern, bedarf es dringend umfassender Unterstützungsmaßnahmen, die alle Kinobetriebstypen – unabhängig von deren Größe, Lage und Programm – mit einschließt.“

Diverse Programmkinos & Kinocenters im Ruhrpott, NRW
Stephan Zabka, 50, Filmdisponent & PR/Öffentlichkeitsarbeit für Schauburg und Apollo Cinemas Gelsenkirchen, Central Kino Center, Dorsten, Casablanca, Metropolis & Capitol in Bochum

1. Aktuell bieten wir auf unseren Webseiten, auf Facebook und Instagram sowie auf diversen (auch lokalen) Internetportalen Kinogutscheine an. Außerdem verweisen wir auf die Website hilfdeinemkino.de . Dort können sich Kino-Unterstützer kostenlos Werbung ansehen (ein Teil des Erlöses geht so an unsere Kinos). Spendenaufrufe halten wir für unangemessen, denn nahezu jeder hat in Zeiten der Corona-Pandemie finanzielle Einbußen zu verkraften. Generell halte ich digitale Aktivität (derzeit vorwiegend über soziale Netzwerke) für sehr wichtig, denn dadurch bleiben wir in Kontakt mit unserem Publikum. So können wir über filmbezogene Neuigkeiten und Maßnahmen informieren.“

2. „Vermutlich wird das Angebot an Neustarts zunächst sehr begrenzt sein. Die wenigen Neustarts könnte man mit einem Klassiker-Sonderprogramm oder -Festival ergänzen. Das wäre allerdings nur möglich, wenn die Verleiher auf bestimmte Vertragskonditionen verzichten. Die Wiedereröffnung der Kinos dürfte wohl nur unter Sicherheitsvorkehrungen geschehen. Das ist insofern problematisch, weil man dem Publikum suggeriert, dass im Kino weiterhin Corona-Ansteckungsgefahr besteht. Wir arbeiten aktuell an einem hygienischen Konzept und werden dieses unserem Publikum vermitteln.“
3. Streaming ist seit Jahren Thema – und bekommt mit Corona jetzt noch mehr Gewicht. Ich denke aber, dass Kino als eigenständiger Erlebnisort weiterhin Bestand haben wird. Man geht mit Freunden ins Kino, genießt Filme auf der großen Leinwand, lacht bei Komödien zusammen mit anderen Gästen. Das ist einzigartig – und eine weiterhin willkommene Freizeitgestaltung. Wichtig erscheint mir, dass nach Corona das Auswertungsfenster nicht verkleinert oder sogar ganz gestrichen wird. Filme müssen im Kino Exklusivität haben, jedenfalls für einen bestimmten Zeitraum.“
4. „Die Perspektive des Kinos besteht meiner Meinung nach darin, ein ausgesprochen vielfältiges Programm für alle Generationen anzubieten und sich dabei dem Publikum deutlich anzunähern. Dazu können besondere Aktionen wie beispielsweise Filmgespräche mit Gästen, Einführungen zu bestimmten Filmen, Special Screenings mit Publikumsbeteiligung, Aktionen für Kinder (Karnevals/Halloween-Schminken, Mal- und Bastel-Events) beitragen. Bis man von einer Zeit nach der Corona-Krise sprechen kann, dürfte es nach meiner Einschätzung sehr lange dauern. Ich glaube, dass uns der Corona-Virus noch viele Monate begleiten wird und wir lernen müssen, damit umzugehen.“

Programmkinos Wien
Wiktoria Pelzer, 35, Programmleitung & Events Stadtkino Wien
Norman Shetler, 46, Geschäftsführung Gartenbaukino, Stadtkino im Künstlerhaus und Stadtkino Filmverleih

1. „Es ist eine sehr schwere und herausfordernde Situation – die wir so natürlich nicht kennen. Wir haben einen kompletten Einnahmemausfall – und wir müssen uns überlegen wie wir mit unseren Mitarbeitern umgehen, wir möchten auf jeden Fall wieder mit unserem Team arbeiten, wenn das alles vorbei ist.“

2. „Wir sind ein geförderter Betrieb, deswegen können wir auf andere Mittel zurückgreifen als andere. Wir haben auf Kurzarbeit umgestellt, und versuchen die Kosten wo es geht gering zu halten. Auch von einem Mieterlass wird schon gesprochen – das ist aber noch nicht bestätigt. Wir starten in den nächsten Tagen eine Kampagne auf Startnext, die einerseits die Möglichkeit gibt uns durch Ticketkauf zu unterstützen – dabei aber auch für NGOs und Initiativen zu spenden, die auch jetzt unschätzbare Arbeit leisten. Außerdem kann man mit einem „Social Ticket“ anderen Personen, die sich nach der Krise vielleicht keinen Kinoabend mehr leisten können, diesen ermöglichen.“

3. „Die beiden österreichischen Streaming Dienste Flimmit und KINO VOD CLUB erfahren gerade starken Zuspruch – aber man merkt auch das die anfängliche Euphorie langsam abnimmt. Das Angebot ist plötzlich explodiert (nicht nur Kino – Theater, Lesungen, Konzerte etc.) und hat meinem Eindruck nach auch schnell zu einer Ermüdung geführt. Das analoge Kinoerlebnis ist trotzdem nicht zu ersetzen – und vielleicht ist es eine Chance, dass die Menschen das mehr denn je erkennen, das teilen, das gemeinsame Lachen oder Weinen im Saal – das ist allein einfach nicht das gleiche. Eine Gefahr ist aber natürlich, dass eine grundsätzliche Angst vor Nähe mit fremden Menschen übrig bleibt.“

4. „Wir denken, es muss mehr denn je auf das Gemeinschaftsgefühl gesetzt werden, und die Verbundenheit zu einem Kino – als Lieblingsort. Dem gemeinsamen Erleben wieder mehr Bedeutung zu geben kann eine Chance sein – und könnte nach einer Zu-Hause-auf-der-Couch-Phase wieder mehr geschätzt werden. Auch das das plötzliche Phänomen vom Aufblühen der Autokinos zeigt: Die Menschen wollen Kino. Ob alle Kinos die Krise überleben ist eine andere Frage. Wir merken leider auch den Unterschied von Kino zur vermeintlichen „Hochkultur“ – die Kinos werden von der Politik oft einfach vergessen, die Museen, Theater und Opern werden namentlich genannt, das Wort Kino fällt fast nicht. Dass die Krise eine wirkliche Veränderung im Kinobetrieb mit sich bringt glaube ich eigentlich nicht – eher wie man mit dem Publikum kommuniziert wird sich ändern, und ich hoffe optimistisch auf stärkeren Zusammenhalt und Kooperation zwischen den Kinos.“

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VIRUS #095