Beitrag 12 von Sandra L. (Kurzgeschichte)

eingetragen in: Archiv | 0
Beitrag 12 von Sandra L. (Kurzgeschichte)

Der erste Kuss

Früh am Morgen war es noch verdammt kalt und eine dünne Eisschicht hatte sich über die Wasserpfützen gelegt. Der Wind trieb Sturmwolken vor sich her, die den angebrochenen Tag wieder zur Nacht machen wollten, und Donner versprach einen weiteren Schauer. Zusammen mit dem Grau der Gebäude spiegelte seine Umwelt Bens Gefühle passend wider. Er hatte seinen Einberufungsbefehl bekommen und würde die nächste Zeit nur durch Schlamm kriechen, in Gräben liegen und das Schießen auf bewegliche Ziele perfektionieren … Es war leichter, sich seine Aufgabe so vorzustellen.
Ganz und gar nicht leicht fiel ihm der Abschied von seinem besten Freund. Seit Ians Mutter ihm vor vielen Jahren Unterschlupf gewährt hatte, waren sie unzertrennlich. Ben wurde bewusst, dass es das erste Mal war, dass sie für einen längeren Zeitraum getrennt sein würden – vielleicht für immer. Sein Einsatz klang ungefährlich, aber das hatten auch andere gedacht und doch waren nur ihre Identifikationsmarken heimgekommen. Im Krieg war man nie völlig sicher.

Bens einziger Trost war die Tatsache, dass Ian schön brav zuhause bleiben würde. Die Krankheit, die seine Mutter dahingerafft hatte, war auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen und hatte ihn untauglich für den Wehrdienst gemacht – wofür Ben jeden Tag aufs Neue dankbar war.

Trotzdem sorgte er sich. Ihre Gegend war unsicher geworden. Die anständigen Männer fehlten und Banden nutzten diesen Zustand, um ihre Raubzüge schon am hellen Tag zu machen. Es war eine Schande! Und Ian schaffte es ja nie, sich aus Schlägereien herauszuhalten. Ben bewunderte seinen Mut und hätte sich gerne eine Scheibe davon abgeschnitten. Sechs Jahre waren vergangen und er war noch immer zu feige, Ian zu gestehen, dass er sich in ihn verliebt hatte – was die Untertreibung des Jahres war! Er war so in ihn vernarrt, dass er sich beim Einrücken mehr Sorgen um ihn als sich selbst machte. Er konnte sich ein Leben ohne ihm einfach nicht mehr vorstellen. Würde Ian in seiner Abwesenheit etwas zustoßen, er wüsste nicht einmal, wofür er zurückkommen sollte. Seit dem Ausbruch des Krieges hatte er jeden Tag damit gerungen, ihm seine Liebe zu gestehen, und nun war ihr Abschied gekommen und er hatte kein Wort gesagt. Ben schaute Ian verzweifelt an.
Warum sollte er überhaupt zurückkehren, wenn er ihn verlor?

Seine Emotionen gewannen Überhand. Er zog Ian an sich und presste ihre Lippen aufeinander. Seine Angst vor Zurückweisung war wie dahingeweht. Er war dankbar dafür, dass das Schicksal ihm zumindest diesen Kuss schenkte. Wenn er in fremdem Boden seine letzte Ruhestätte finden sollte, blieb ihm zumindest Reue erspart. Er musste sich nie mehr fragen, wie es sich anfühlte, den ihm liebsten Menschen zu küssen.

Und dann geschah das Wundersamste von allem! Ian streckte sich ihm entgegen. Er ging sogar auf die Fußspitzen dabei. Er küsste Ben auf eine Weise zurück, die ihm den Atem stahl: ungestüm und schlampig und so verlangend, als hätte er sich ein Leben lang danach verzehrt, ihn derart zu berühren. Vielleicht war es so. Bens Herz setzte einen Schlag aus.
Jahre über Jahre verschenkte Zweisamkeit!

Nein, das stimmte nicht. Zumindest nicht ganz. Sie waren ja immer zusammen gewesen und hatten einander in Schutz genommen, wenn die Welt sie zu erdrücken gedroht hatte. Niemandem war er je näher gewesen. Er hatte Ian stets beschützen wollen.

Nur in diesem Moment vergaß er seine Vorsicht. Er presste seinen Liebsten mit so viel Kraft an sich, dass ihm das Atmen schwer fiel, selbst wenn er Ians Lippen nicht mit einem weiteren Kuss bedeckte. Dabei wollte er ihn gar nicht festhalten. Ian sollte nicht denken, dass er ihm seine Leidenschaft aufzwang.

Er hob beide Hände an seine Wangen und berührte sie nur so sanft wie der Kuss eines Schmetterlings. Das war aber nicht genug! Es war zu wenig Kontakt, zu wenig Wärme und er fühlte sich so unsicher und hilflos dabei. Ian bemerkte es, denn er legte ihm die Arme um den Nacken und zog ihn wieder an sich. Ihre Münder prallten so fest aufeinander, dass sie das Klicken ihrer Zähne hörten. Ian grinste. Ben konnte es in ihrer Lage zwar nicht sehen, aber er spürte es an ihrem Kuss – und seine Knie wurden weich.
Wie sehr er diesen Mann liebte!

Ben strich fasziniert über Ians Rücken und zog ihre Körper so fest zueinander, dass Ian jede Regung an ihm spüren konnte. Der Gedanke gefiel ihm. Sein Geliebter sollte niemals zweifeln, wie begehrenswert er ihn fand. Ian schien sich seiner aber bereits sicher zu sein, denn er lockerte den Griff um Bens Nacken und fuhr mit beiden Händen durch sein Haar. Das eine oder andere Mal riss er zu fest daran, aber Ben wollte es nicht anders. Er sog Ians Lippen zwischen seine eigenen und gab ein erregtes Stöhnen von sich. Was machte er nur? Und wie konnte er seinen Liebsten dasselbe empfinden lassen? Er wollte ihn ebenso vor Faszination hingerissen wissen. Klar zu denken, fiel aber schwer, wenn jeder Gedanke davonflog wie Blütenblätter in einem Sturm.
Ian brach den Kuss zuerst. Sie blieben aber aneinander gelehnt – und schwiegen. Dabei wollte Ben ihm so vieles sagen! Er wollte sein gesamtes Herz vor ihm ausschütten! Ihre Nähe machte ihn aber sprachlos. Sie teilten sich immerhin einen Atem. Ben verlor beinahe den Verstand deswegen. Er wollte alles mit Ian teilen. Immer schon! Und seinem Geliebten ging es wohl nicht anders. Ben war so glücklich, Tränen stiegen ihm in die Augen. Er presste die Lider fest aufeinander, damit nicht eine davon über seine Wangen laufen konnte. Ian hätte das missverstanden.

In der Nähe läutete eine Glocke. Sie hatten sich verzettelt. Es blieb keine Zeit mehr.

„Ich muss los! Stell dir vor, ich komme zu spät bei der Sammelstelle an!“

„Du hast ja feuchte Augen“, stellte Ian erschrocken fest. „Hast du Angst vor deinem Einsatz?“
Nur ein Narr hätte keine, dachte Ben und wich einer Antwort doch aus. „Meine Truppe wird zur Grenzsicherung eingesetzt. Wenn ich Glück habe, höre nicht einmal einen Schuss.“
„Ich bin trotzdem stolz auf dich!“, himmelte Ian ihn an. „Dieser Krieg wird in den Geschichtsbüchern stehen und du darfst dabei sein und deinen Beitrag leisten.“
„Auf diese Ehre würde ich gerne verzichten.“

Sein Gegenüber blinzelte ihn überrascht an. „Was könnte denn wichtiger sein, als das Richtige zu tun?“

„Bei dir zu sein“, gestand Ben offen und wunderte sich über das Ausmaß seines Glücks. Es endlich sagen zu dürfen! Ihm ging das Herz dabei über. „Ich liebe dich mehr, als ich es dir beschreiben kann!“

„Du hast ja ein paar Monate Zeit, dir die richtigen Worte für einen Antrag zu überlegen.“

Es war ein Scherz zum Auflockern ihrer Anspannung, aber Ben fand die Idee grandios. Er ging trotzdem auf den Witz ein: „Dir reicht man den kleinen Finger und du nimmst die Hand und den Arm gleich dazu!“

„Der ganze Mann wäre mir lieber.“

„Dann mache ich dir den Antrag, wenn ich zurückkomme! Glaub‘ nicht, dass ich das nicht mache!“

„Wieso warten?“ Ian versuchte nicht einmal, sein verschmitztes Lächeln zu unterdrücken. „Willst du mich heiraten?“

„Was machst du denn? Ich wollte dich fragen!“

„Zu spät! Also? Willst du?“

Ben war einen Moment so sauer, er überlegte, Ian auf die Antwort warten zu lassen. Er hielt geschlagene zwei Sekunden durch. Dann küsste er seinen Verlobten, flüsterte das Ja in sein Ohr und rannte los.

Das Wetter war nicht besser als einen Moment zuvor, aber Bens Brust fühlte sich warm an und die Sonne brach endlich durch die Wolken und tauchte die Welt in ein freundlicheres Licht. Es war der Beginn eines neuen Lebens und Ben konnte es nicht erwarten.